Kunstraum, Stadtraum

Zwei Akte in Acht Tagen

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von Ina Tuscher-27. November, 2019

Medienkunst trifft Theatermalerei

„Zwei Akte in Acht Tagen“ hieß die Ausstellung, die sich experimentell mit dem Zusammenspiel von Theatermalerei und Medienkunst auseinandersetzte und am 26. Oktober im Kunsthaus Zeitz zu sehen war. Die Theatermalerin Katharina Gießler und der Medienkünstler Philipp Baumgarten arrangierten darin Versatzstücke aus Bild und Text und konstruierten so eine Wirklichkeit nach dem literarischem Vorbild von Fernando Pessoa und Wolfgang Borchert. Entstanden sind ortsspezifische Installationen, die mit der Darstellung von Transformation von Landschaft und erzählerischer Perspektive spielten.

Wenn Medienkunst auf Theatermalerei trifft, begegnen sich zwei Disziplinen mit unterschiedlicher Konstitution. Die Malerei als statisches Bildmedium ist unveränderlich und starr. Lichtprojektionen hingegen sind dynamische und immaterielle Ausdrucksmittel der Medienkunst und damit flüchtig. Wird die Malerei zum Hintergrund einer Inszenierung oder wie in diesem Fall bei Katharina Gießler zum Mittelpunkt der Darbietung, bei der die physische Absenz von Schauspielern den Fokus auf das Bild verstärkt und das Bild zur einzigen Erzählung werden lässt, wird das Bild zur Bühne. In „Zwei Akte in Acht Tagen“ obliegt es der Medienkunst von Philipp Baumgarten, ein Narativ und damit die Lesart vorzugeben. In einem Wechselspiel aus Videoarbeiten, Soundkollagen und Lichtstimmungen, werden zwei gemalte Bildebenen in Interaktion versetzt und eröffnen den ersten Akt.

1 Akt: großer Saal
Im ersten Akt sind es die zwei Männer aus Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Kegelbahn“ aus dem Jahre 1947, die auf einer großformatig gemalten Kulisse in den Dialog treten. Durch die sensibel komponierten Projektionen emanzipiert sich das Bild vom Bild und transformiert sich mit und in die Geschichte. Aus dem Off der Erzähler, ein 9-jähriger Junge, dessen kindlich-naive Stimme die Grausamkeit des Beschriebenen noch verstärkt.
Borchert, die deutsche literarische Stimme der Nachkriegsliteratur wurde nur 27 Jahre alt. Dazwischen: Der Traum zur Schauspielkarriere, Westfront, Ostfront, Lazarett, Gefangenschaft, Flucht und der Drang, der betrogenen jungen Generation ihre Stimme zurückzugeben.
In Borcherts Werken stehen die Protagonisten stets im ethischen Dilemma des 20. Jahrhunderts – Die Frage nach der Schuld und dem Problem der Verantwortung geben die zentralen Motive in der Kegelbahn vor, die zugleich die Metapher dafür stellt:

„Wir sind die Kegler.
Und wir selbst sind die Kugel
Aber wir sind auch die Kegel,
die stürzen.
Die Kegelbahn, auf der es donnert,
ist unser Herz“

„Zwei Männer hatten ein Loch in die Erde gemacht. Es war ganz geräumig und beinahe gemütlich. Wie ein Grab. Man hielt es aus. […] Schiess sagte der eine. Der schoss. Da war der Kopf kaputt. Er konnte nicht mehr Parfüm riechen, keine Stadt mehr sehen und nicht mehr Inge sagen. Nie mehr. Die beiden Männer waren viele Monate in dem Loch. Sie machten viele Köpfe kaputt. Und die gehörten immer Menschen, die sie gar nicht kannten. Die ihnen nichts getan hatten und sie nicht einmal verstanden. Aber einer hatte das Gewehr erfunden, das mehr als sechzig mal schoss in der Minute, und einer hatte es befohlen. Allmählich hatten beide Männer so viele Köpfe kaputt gemacht, dass man einen großen Berg daraus machen konnte. Und wenn beide Männer schliefen, fingen die Köpfe an zu rollen. Wie auf einer Kegelbahn. Mit leisem Donner. Davon wachten die Männer auf. Aber man hat es befohlen, flüsterte der eine. Aber wir haben es getan, schrie der andere.“

aus: Wolfgang Borchert „Kegelbahn“ (1947)

 

Zweiter Akt: Phonothek

Der Portugiesische Dichter Fernando Pessoa wurde 1888 geboren und gilt als einer der rätselhaftesten unter allen geheimnisvollen Schriftstellern der Neuzeit. Sein literarisches Schaffen wurde größtenteils erst posthum bekannt.
Das wohl bekemerkenswerteste an ihm: Er schrieb zeitlebens unter dutzenden Pseudonymen: fiktiven Autoren mit eigenen Biographien, die sich im Schreibstil, Themen und Motiven völlig unterschieden. So hat er gegen ein Zentrum des Ichs geschrieben und mit fast akribischer Manie geschafft, sich keine eigene Biografie anzuleben.  Sinnbildlich dafür sein Name: Pessoa – was im Portugiesischen „Person“, „Maske“ und „Niemand“ zugleich bedeutet.

„Jeder konstruiert seine eigene Wirklichkeit. Wir sehen aus uns heraus auf das Außen und nehmen es wahr. Die Welt einatmen und ausatmen. Schauen wir auf den Bildschirm, sehen wir ein Fenster in eine andere Welt. Schauen wir aus einem Fenster, schauen wir auf die Welt.“

Die Videoinstallation des zweiten Akts wurde auf eine gegenüberliegende Hauswand projiziert – der Betrachter sieht aus dem Fenster und verliert sich in den Projektionen, die Versatzstücke aus Fernando Pessoas Gedankenwelt illustrieren. Fußgänger und Autos passieren und tauchen in das Bild mit ein.
„Sei vielgestaltig wie das Weltall“ war Pessoas literarisches Credo. Die Projektionen, eine Reminiszenz darauf. Kurzweilige Erscheinungen in Form und Licht, Fragmente, die den gelesenen Text, ausgewählte Ausschnitte aus: „Dem Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernando Soares“, gleichzeitig interpretieren und abstrahieren.

„Das Leben ist für uns das, was wir sehen. Für den Bauern, dem sein Feld alles bedeutet
ist dieses Feld ein Imperium. Für den Cäsar dem sein Imperium nicht genügt, ist dieses
Imperium ein Feld. Der Arme besitzt ein Imperium; der Große besitzt ein Feld.
Tatsächlich besitzen wir einzig unsere eigenen Wahrnehmungen; auf sie und nicht auf
das, was sie sehen, müssen wir demnach die Wirklichkeit unseres Lebens gründen.“

aus: Fernando Pessoa, „Das Buch der Unruhe“ (1982)

 

 

Foto: Reiner Eckel

Foto: Reiner Eckel

Foto: Reiner Eckel

Foto: Reiner Eckel

Foto: Reiner Eckel

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