Freiraum, Kunstraum, Stadtraum

IPIHAN #9

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von Redaktion-12. September, 2019

Wenn das Paradies nur halb so schön ist…

Raus aus dem Atelier, raus aus der Stadt, raus aus der Komfortzone! Dafür rein in das Unbekannte, das Kaputte, das Ungewisse! Innerhalb eines Monats muss das Konzept, die Kunstwerke und die abschließende Ausstellung stehen. Kunstproduktion im Schnellkochtopf!

Das selbst-initiierte Kunstprojekt IPIHAN (If Paradise Is Half As Nice) hat im August 2019 die ehemalige Zeitzer Kosmetikfabrik ZITZA besetzt und dort in wenigen Wochen Beachtliches auf die Beine gestellt.

Bei ihrer ersten künstlerischen Intervention auf der Brachfläche einer verlassenen Jutespinnerei und Weberei in Leipzig-Lindenau 2012 bemerkten sie, dass die Räumlichkeiten nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihre Werke in der Perspektive der Betrachter fundamental veränderten. Seither kommt das Künstlerkollektiv einmal jährlich zusammen, um ungenutzte Flächen unter Rücksichtnahme ihrer Geschichte und Architektur in Kunstorte umzuwandeln.

Andere Formate, etwa das RoomBoom in Schkeuditz oder die Ibug (Industriebrachenumgestaltung), ein Festival für urbane Kunst, das bereits im 14.Jahr läuft und 2019 in einem ehemaligen Bahnbetriebswerk im vogtländischen Reichenbach gastierte, legt seinen Schwerpunkt vornehmlich auf SteetArt und Graffiti, zusätzlich zu Illustrationen, Installationen, Performance und Multimedia und hat dazu in diesem Jahr rund 80 Künstler*innen aus aller Welt eingeladen.

IPIHAN beschränkt sich auf ein kleines Team von nicht mehr als 10 Personen und erschafft Kunst aus dem, was das Gebäude zu bieten hat (Materialien, Raum, Geschichte, Dynamik des Verfalls) Trotz der Ortsspezifik ihrer Arbeiten liegen allen Kunstwerke eigenständige Konzepte zugrunde. 2017 waren sie zu Gast in der Zeitzer „Nudel“. Nach dem letztjährigen Erfolg in Altenburg eroberten sie diese Mal die Zeitzer ZITZA für ihre temporäre Kunstaktion. An dieser Stelle möchten wir einzelne Künstler*innen und ihre Kunstwerke kurz vorstellen:

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Aad Hoogendoorn.

 

Ties Ten Bosch „Archive Afterlife”
Ca. 2100 in wochenlange meditative Arbeit, handgemachte Papierblätter, die aus dem im Gebäude gefundenen Archiv von Dokumenten (z.B. ärztlichen Akten) entstanden sind. Eine Art Weißwaschen, eine Anonymisierung persönlicher Daten. Ein Gefühl von Vergangenheit, Vergänglichkeit, Ebenmäßig machen.

Jordy Walker ohne Titel
3 Räume auf 3 Etagen. Inspiriert durch die Nässe im Gebäude, nach den Regenfällen entstehende geologische Prozesse wie etwa Trocknungsprozesse.
Esther Kokmijer “Cyanometer”
Gastkünstlerin. Die Farbe blau übt eine große Faszination auf sie aus. Sie arbeite viel mit Wasser und Eis, z.B. in Grönland und der Antarktis. Sie hat alles was blau ist im Gebäude versammelt und mehrere Cyanometer entwickelt, eine Art Blau zu messen. Inspiriert vom Cyanometer von Alexander von Humboldt, der solche als pseudowissenschaftliches Experiment 1760 zur Messung von Himmelsblau nutzte.
Pim Palsgraaf “Fading Memory”
Holz-Installation inspiriert von der (durch den Verfall) Gerüstartigkeit des Gebäudes. Pim arbeitet immer mit gefundenen Materialien aus dem Gebäude und tastet sich erst in kleineren Arbeiten an die Materialien heran. Perspektivische Spiele: Nach Lichteinfall Schatten 3D mit eingearbeitet, geht über in 2D an der Wand. Die unterschiedlichen Formen und “Schatten” lassen ein Gefühl von Vergangenheit und Zukunft entstehen, Spannung von Verfall und Wiederaufbau in der Fantasie.
Willem Besselink “Kolommenspirale”
Faszination für sich wiederholende Muster und Formen in der Architektur. Rhythmus und Wiederholung laden ein durchzulaufen. Willem hat den Säulen ein Echo gegeben, einen Schatten. Und diesen dann im Raum zu einer Doppelhelix angerichtet.
Regina Kelaita  “Carton Code”
Lochkarten zur früheren Datenspeicherung im Gebäude gefunden, abfotografiert und als hypnotisierende Animation zusammengesetzt. Video-Arbeit. Analog und Digital treffen in den Karten aufeinander. Die systemische, virtuelle Datenspeicherung die mit dem Verfall des Kartons vergeht. Unterstreicht die Atmosphäre im Raum und erweckt Gefühle zur Massen-Produktion, Datenspeicherung und der vergangenen Geschäftigkeit des Ortes.
„CBR2DDR“
Alte Plastik /DDR-Deckenisolierung, die in Büroetage runter fiel, Fotoanimation, Video-Arbeit. Im White-Noise 1% Urstrahlung aus dem Urknall zu sehen. So kam der Titel zustande. CBR (Constant Background Radiation) to(2) DDR. Liebe zur Absurdität der Lauf der Dinge, Willkürlichkeit. Direkte Zeitlinie vom Urknall bis zu dieser Plastik-Decke. Humor, Verwunderung über das Alltägliche.
 
Niek Wagemans “Halfway there” / “Reflections in Light“
Gastkünstler. Arbeiten in und um den Liftschacht. Untersuchung von Raum, Idee und Funktion. Wie Raum entsteht, verändert werden kann, über Licht, Form, Zugänglichkeit, Trennungen, Reduzierung etc. Toten Raum des Liftschachts begehbar gemacht. Wände und Türen zersägt so dass ein neuer Durchblick zu den Fenstern entsteht. Ausgeschnittene Teile neu aufgehängt um neuen abstrakten Raum /Idee von Raum entstehen zu lassen. Auf Lochkarten inspiriert mit Spiegeln bestückte Holzbalken und ebenso lichtdurchlässige Formen vor Fenster, Lichtspiel.

Michiel Jansen “Sammlung”
An unterschiedlichen Stellen im Gebäude Linien (von Löchern oder Fensterbänken) mit Holzleisten weiter-/ durchgezogen, um so neue Räume in bestehenden Räumen entstehen zu lassen. Dann die Entscheidung diese neuen “Lufträume” aus ihren Kontext zu nehmen und zusammen in einer Etage zu präsentieren, um zu sehen, wie sie dort wirken. Eine Untersuchung in seinem künstlerischen Prozess.
Daan Botlek ohne Titel
Ursprünglich aus der Graffiti-Szene, setzt er sich bei IPIHAN öfters mit anderen Materialien auseinander. In vergangenen Editionen selbstgemachte Pinsel aus gefundenen Dingen gebastelt, dieses mal aus Shampoo-Flaschen selbstgemachte Tag-Marker hergestellt. Daraufhin, da Tags eine Art Alter-Ego sind, zugehörige Masken aus gefundenen Shampooflaschen gemacht.
Toine Klaassen “Antraxianium”
Ausdauer-Performer (6 Stunden täglich), Großstadt-Shamane, Deutsch-Buschmann. Lebte in der alten Zitza-Kantine als ‘Professor Anthrax’. Fundstücke versammelt, in gefundenen Klamotten eingekleidet. Entwickelte Rituale, um das Gebäude zu heilen, von seinem Verlassensein, um die alten Arbeiter*Innen zu würdigen, um es sanft zum Leben zu erwecken. Er ruft den Geist des Holunders, der Brombeere, des Windes und der Weißen Elster, um ihm bei der Heilung zu helfen, mit ihm zu performen. Er trommelt auf alten Chemie-Tonnen, Drumsticks aus alten Bürsten, nutzt
Seife, Rasierschaum, Beeren, Fischköpfe, Geister der Vergangenheit.

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