Blühende Landschaften

Der Versuch einer Analyse.

Wir durchfuhren traurige Landschaften, in denen Felder genauso aufblühten wie Bäume und Büsche in den Dachrinnen verfallener Fabrikgebäude. Aus dem Zugfenster beobachteten wir deprimierte und verbrauchte Menschen an Bahnhöfen, bereits unfähig am Alltag noch Spaß zu empfinden. Ein Sechzehn- und ein Siebzehnjähriger saßen neben uns und unterhielten sich über ihre Arbeit – und zwar über nichts anderes. Sie sprachen von ihren immer wiederkehrenden Fünfzig-Stunden-Wochen während ihrer schlecht bezahlten Ausbildung, von den unzumutbare Arbeitsbedingungen, von den Nachtschichten mit ihren Vätern, die sie gemeinsam auf der Autobahn verbrachten und dabei im LKW eine Kippe nach der anderen rauchten. Sie sprachen davon wie ihre wechselnden Arbeitgeber sie gewissenlos ausbeuteten und wie sie in dunklen Fabriken ohne Mundschutz giftige Chemiedämpfe und den Rauch verbrannter Leichen einatmen mussten.

Das hatte uns schockiert und natürlich befanden wir uns in einem Zug in Ostdeutschland, hielten an verschiedenen Bahnhöfen und beobachteten still die Menschen, die hier ein- und ausstiegen. »Alles tot nach der Wende«, schien hier in großen Lettern über jedem Bahnsteig, auf jeder Stirn jedes Fahrgastes zu stehen. Da war dieses stinkende Pärchen. Beide hatten ein Bier in der einen, ein Kind an der anderen Hand. Dann war da dieses Crystalopfer, das einfach nicht mehr still sitzen konnte. Mit feuchten Händen und nasser Stirn stand er auf und setzte sich hin. Immer im Wechsel. Die ganze Fahrt über. Und kaute auf seiner Lippe und knirschte mit den Zähnen. Und legte sich noch eine Line, mitten im Zug, weit davon entfernt auch nur daran zu denken, sein Drogenkonsum zu verheimlichen. Und dann war da noch der sportliche Familienvater: In seinen Nacken hatte er sich eine von Lorbeer umkränzte »88« tätowieren lassen. An der Hand hielt er seinen Sohn, mit dem er sprach, als wäre er ein Soldat. Und ich hörte von einem Typen, der kam aus derselben Gegend, der hatte sich tatsächlich den Führer auf den Bauch tätowieren lassen. Und ich fragte mich nur noch: »Wie sehr muss man sich hassen, um so etwas zu machen?«

Natürlich ist das nur ein Schlaglicht, das ich auf diese Gegend werfe. Am Bahnhof sammelt sich immer das Gesindel. Die Heruntergekommenen, die Armen, die Kriminellen, die Säufer und Junkies. So ist es überall auf der Welt. Und doch sind diese Menschen, wie ich meine, das Symptom eines tiefer liegenden gesellschaftlichen Phänomens, das ich hier untersuchen möchte.

Ich bin selbst ganz in der Nähe von dieser Gegend aufgewachsen und mir liegt es am Herzen den Versuch einer Analyse anzustellen. Doch diejenigen, die ich meine, in diesem Text untersuchen zu müssen, möchte ich nicht betiteln. Zu oberflächlich sind solche Zuschreibungen. Zu ungenau ist ihr Wesen. Zu differenziert ihre Meinungen. Zudem soll es hier vordergründig um ein Phänomen gehen, das uns alle etwas angeht; das nur gelegentlich spürbar ist und sich irgendwo zwischen und in den Menschen bewegt und sich nur schwerlich fassen lässt. Das liegt daran, dass ich dieses Phänomen eher als Leerstelle beschreiben möchte, als unbestimmtes Gefühl, als Zustand, der vielfältige Formen annehmen und doch überwunden werden kann. Ich halte mich hier bewusst unkonkret, denn ich will hier keinen Beweis anstellen, sondern eher Zusammenhänge untersuchen und dabei Möglichkeiten eines Auswegs zeigen. Dabei möchte ich mich vor allem auf zwei Beobachtungen beschränken, die meiner Meinung nach an diesem Phänomen entscheidenden Anteil haben: das Fehlen kultureller Zugänge im überwiegend ländlichen Raum (auch wenn das in Zeiten von Internet und Smartphones nur noch schwerlich vorzustellen ist). Zum anderen möchte ich das Verhältnis zur Arbeit als weitere Ursache des Phänomens nennen, das eng mit dem Begriff der »Entfremdung« zusammenfällt, so wie er bei Marx zu finden ist.

Das Phänomen ist beinahe banal und gänzlich alltäglich. Ich denke jeder von uns kennt es mehr oder weniger gut. Ich spreche von diesem unbestimmten Gefühl einer schleichenden Unzufriedenheit. Dieses Gefühl vom Leben gelangweilt zu sein, sich nicht richtig ausgefüllt zu fühlen. Dieses Zweifeln am eigenen Selbst und der Gewissheit, dass das eigene Leben keine Überraschungen mehr bietet. Diese Unzufriedenheit schleicht sich durch den Alltag und durch unser Leben. Arbeiten, essen, schlafen. Tag um Tag, Jahr um Jahr. Immer derselbe Trott, aus dem wir höchstens in unserem Urlaub noch ausbrechen können. Diesem Gefühl, vor dem wir beständig zu flüchten versuchen, wenn sich nur eine freie Minute ergibt, in der wir nicht mehr über unsere Pflichten und ausstehenden Aufgaben noch nachdenken müssen, und uns doch gleichzeitig wünschen, dass uns jemand sagt, was wir zu tun und was wir zu lassen haben. Die Sehnsucht nach einer Bestimmung und nach einem höheren Zweck in unserem Leben, durch den wir unser Leben wieder neu definieren können und der unserem Dasein einen Sinn verleiht, dem wir auch unsere Arbeit unterordnen können.

Bei unserem Verhältnis zur Arbeit ergibt sich schon ein erstes Dilemma: Fühlen wir uns so sehr erfüllt von unserer Arbeit, dass wir uns mit ihr identifizieren und dementsprechend kaum mehr abschalten können? Dann neigen wir dazu, zum Workaholic zu werden und sind vom bevorstehenden Burnout bedroht. Teilweise geschieht das ja auch nur, weil wir diesem schleichenden Gefühl aus dem Weg gehen wollen. Können wir uns hingegen weniger mit unserer Arbeit identifizieren und üben sie nur aus, um Geld zu verdienen, dann fühlen wir uns von unseren Tätigkeiten entfremdet und neigen zum sogenannten Boreout, der wiederum selbst in einem Burnout enden kann. Dieses Gefühl der Niedergeschlagenheit wird vor allem noch dadurch verstärkt, dass uns meist die lebensnotwendige Anerkennung (zum Beispiel in Form von kleinen Erfolgen oder Glücksgefühlen) nicht auf einem anderen Wege zuteil wird. Dieser Zustand kann schnell zur Hölle werden. Viele von uns erleben dieses Gefühl bereits in der Schule. Wir fühlen uns dann recht schnell ungenügend und minderwertig und blicken bald mit Neid, bald mit Abscheu auf die Arbeit anderer, hassen unseren eigenen Job und klammern uns nicht selten an Statussymbole, um das Gefühl zu haben, auf etwas zuzuarbeiten.

Jedem von uns geht es so, doch nur bei einem Teil von uns gewinnt dieses Gefühl die Überhand und das schleichende Gefühl von Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben wird zu einem grundsätzlichen Problem mit der Gesellschaft verformt. Verstärkt wird es noch durch eine zusammenbrechende Infrastruktur um einen herum und fehlende Orte des Miteinanders. Die Wut fängt an zu kochen und das Problem wird auf andere projiziert. Ein Feindbild, erst einmal gefunden, verselbstständigt sich und wird zur Antwort auf alles. Der unzufriedene Mensch verändert sich. Der Wutbürger wird geboren.

Diese Menschen – selbst nur Stereotype – werden vom Hass ergriffen, flüchten sich in ihn hinein, werden abhängig nach diesem Gefühl, das sie mit anderen teilen, sind beständig auf der Suche nach Schuldigen und schieben alle Verantwortung von sich, getrieben von einer existentiellen Angst, die von einem möglichst globalen Bedrohungsszenario ausgeht, das seine Ursache aber letztlich in den eigenen persönlichen und familiären Existenzängsten hat. Eines ist klar: Die Schuld haben immer die Anderen und vor allem die, die gerade nicht da sind. Entweder »die da oben«, die sie nur schwer erreichen können oder eben die Anderen, also diejenigen, die unter ihnen stehen, die schwächer sind als sie und damit leichter zu verurteilen. Das sind neben Flüchtlingen und anderen Ausländern übrigens auch Kinder und Jugendliche, Rentner, Arbeitslose, alleinerziehende Mütter, zottlige Hippies, gammlige Punks, eingebildete Studenten, traurige Säufer, idealistische Weltverbesserer oder andere Stereotype, mit denen man sich ab sofort nicht mehr näher auseinandersetzen muss. Diese in Wirklichkeit sehr heterogenen Gruppen werden zu eindeutigen Klischeefiguren oder zu konkreten Feindbildern stilisiert, je nach Bedarf. Vor allem werden sie durch diese Entindividualisierung ihrer Menschlichkeit beraubt.

Ich spreche im Folgenden möglicherweise nur von einer kleinen Gruppe, die aber – wenn man bereit ist, kritisch auf eine Gegend zu blicken – schnell das allgemeine Bild trüben kann wie ein Tropfen Tinte in einem Wasserglas, und die Schönheit eines Landstrichs plötzlich verschwinden lässt. Ich bin mir auch bewusst darüber, dass ich nun selbst dazu neige, in dieses stereotype Denken zu verfallen. Das will ich aber folgendermaßen relativieren: Man streitet sich vehement darüber, wer nun letztlich alles dazugehört. Sind es die »Rechtsextremen«, die »besorgten Bürger«, die »Abgehängten«, die »Neue Mitte« oder gar ein Teil der sogenannten Linken selbst? Das will ich hier nicht zur Diskussion stellen. Es gehören die dazu, die sich selbst dazurechnen wollen. Manche von ihnen sind so empört, dass es sie nicht stört mit Rechtsradikalen zusammen demonstrieren zu gehen, manche bleiben aber auch friedlich zu Hause und regen sich über die vielen Ausländer auf und das »links-grün-versiffte Gutmenschenpack«. Doch wie die meisten Menschen leben auch sie vielleicht nur für ihre Arbeit und geben sich mit den kleinen Dingen im Leben zufrieden oder verdienen vielleicht sogar ein ordentliches Sümmchen im Monat.

Die politische Gesinnung entspringt nicht der gesellschaftlichen Stellung, soviel sollte klar sein, sondern vielmehr der Wahrnehmung eines gefühlten Unrechts. Und das kennen wir alle. Die Gesellschaft ist nun einmal ungerecht und widersprüchlich, die Politik mitunter unfähig gesellschaftliche Probleme zu lösen, die Bürger fühlen sich ohnmächtig. Jeder wird (zumindest auf den ersten Blick) vernachlässigt, wenig beachtet und bekommt in seinem Leben selten Anerkennung und Aufmerksamkeit. Die Leute müssen darauf bedacht sein, zunächst an sich selbst zu denken, erst später an die anderen. Die Arbeitswelt erzieht sie dazu. Wer seine Chancen versäumt, geht vor die Hunde. Bei manchen Leute ist diese Wahrnehmung des gefühlten Unrechts ganz besonders ausgeprägt. Meist fangen diese Erfahrungen der Enttäuschung bereits in der frühen Kindheit an und ziehen sich durch ihr gesamtes Leben. Viele können nichts dafür. Sie wurden im Stich gelassen – von ihren Eltern, Freunden, ihren Partnern, Lehrern, Arbeitskollegen und Behörden. Nicht umsonst liegen laut des Hufeisenschemas die Verhaltensweisen von rechten und linken Extremisten so nah beieinander. Das Feindbild ist bis auf die Ausländerfeindlichkeit zu großen Teilen recht ähnlich, die Hoffnung auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und Gleichberechtigung ebenso. Der Sprung von einem Extrem zum anderen erscheint daher bei Fanatikern wie etwa bei Jürgen Elsässer gar nicht so verwunderlich. Denn ihr Antrieb entsteht aus einem tiefverwurzelten Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das in einen verzweifelten und teilweise blinden Hass auf das System oder Stereotype umschlägt. Mit dem Unterschied, dass die Rechten lieber nach unten treten und Ausländer, Behinderte oder Linke zum Feindbild machen, also Menschen, die eigentlich ebenso ungerecht behandelt werden wie sie selbst, aber eben nicht in ihr Weltbild passen. Sie berufen sich in erster Linie auf Abstammung und Herkunft, um ein Gefühl von Gemeinschaft zu erzeugen, auch weil sie mitunter nichts anderes kennen, auf das sie stolz seien können. Doch Linke wie Rechte eint der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit. Allerdings ist dieser Wunsch im rechten Weltbild nur einer kleinen Bevölkerungsgruppe vorbehalten, die ihren eigenen Werten, Idealen und Vorstellungen entspricht, während die linke Ideologie einen entscheidenden, einen humanistischen Schritt weitergeht und die soziale Gerechtigkeit für alle fordert, selbst für die rechten Widersacher.

 

Ich möchte mich bei dem Versuch meiner Analyse regional beschränken. Mein Anliegen ist es darüber nachzudenken, was die Menschen im Osten der Republik umtreibt. Sind die Probleme hier wirklich größer? Leiden die Menschen hier wirklich noch an den Folgen der gescheiterten Wiedervereinigung, an Armut und sozialer Ungerechtigkeit? An der Ausbeutung westdeutscher Unternehmer, an den Verbrechen der Treuhand und am Überstülpen eines Systems, das so nicht gewollt war? Ist die Enttäuschung gegenüber Kohl und der deutschen Regierung noch immer so groß, dass das Versprechen von den »Blühenden Landschaften« nie erfüllt wurde oder sind die gegebenen Probleme vielleicht doch eher anderer Natur? Unausgeglichen sind die Verhältnisse auf jeden Fall, aber können wir nach so langer Zeit eigentlich immer noch von »Ungerechtigkeit« sprechen, nur weil der eine mehr, der andere weniger hat? Kann man den Staat oder irgendeine andere höhere Ordnung dafür verantwortlich machen, dass dein Chef ein geiziges und selbstsüchtiges Arschloch ist? Oder weil ein Berufszweig eben mehr Geld abwirft als ein anderer? Oder ist die Wahrnehmung von Formen der Ungleichbehandlung eine andere? Sind die Traumata zweier Diktaturen, die sich diametral gegenüberstehen, noch nicht überwunden? Und ist gerade die Unverständnis darüber, Grund für eine zunehmende Verwirrung? Schließlich gibt es auch im Westen der Republik zahlreiche Gebiete, die eher strukturschwach sind, abgehängt sind, ausgebeutet und fallen gelassen worden.

Dort, wo ich aufgewachsen bin, ist es schön, sehr schön sogar. Es gibt Leute, die machen dort Urlaub, weil es dort so ruhig und behaglich ist. Doch fast ausnahmslos sind diese Urlauber Rentner, denn mehr als diese Ruhe, mehr als diese Schönheit bietet jene Gegend nicht. Zu lang ist das Leben, zu trostlos, wenn es mit nichts gefüllt wird. Auch ich hatte eigentlich alles – nur nichts zu tun. »Kultur« war ein Wort, das ich nur aus der Schule kannte und für viele dort, ist es das wahrscheinlich immer noch. Oftmals wird die Kultur auch ausschließlich mit nationalen Gedanken in Verbindung gebracht, ohne dass sich viele Leute darüber bewusst sind, dass vieles, was als typisch deutsch erachtet wird, eigentlich von anderen Kulturen übernommen wurde. Auch wird ein kultureller Wert höchstens den »großen Werken« der Vergangenheit zugestanden, nicht aber mit zeitgenössischen Arbeiten in Verbindung gebracht. Gelebt wird die eigene Kultur daher nicht selten in einer Rückwärtsgewandtheit meistens aber ausschließlich im ökonomischen Sinne. Es geht um den Konsum von Fleisch- und Teigwaren, um das Praktizieren von Trinkritualen oder um die Teilnahme an dem ein oder anderen Volksfest, das meistens auch eher von kommerziellen Absichten durchzogen ist. »Man müsse ja schließlich von etwas leben«, heißt es dann. Kultur wird dort vor allem als etwas wahrgenommen, das eine Situationen des Miteinanders erzeugt. Wichtig sind selbstverständlich Sportereignisse, allen voran natürlich das Fußballspiel, bei dem das Gemeinschaftsgefühl der Kommune durch Verachtung der gegnerischen Mannschaft erzeugt wird. Weniger oder eigentlich fast nie geht es bei dieser Kultur um künstlerische Darbietungen, die ein gewisses Kunstverständnis voraussetzen.

Das Kulturverständnis, das auch mir gewissermaßen angelernt wurde, beruft sich immer und ausschließlich auf die Vergangenheit. Dass aber Kultur auch ein beweglicher, organischer Prozess ist, der sich vor allem durch Handlungs- und Denkweisen einer lebendigen Bevölkerung konstituiert, wurde mir erst relativ spät bewusst. Dass sich Kultur und Sprache verändern und keine statischen Strukturen sind, ist meiner Meinung nach essentiell für den Umgang mit Kultur. Es ist wichtig, die Gegenwart mit der Vergangenheit in Beziehung zu setzen. Beide Zeitebenen müssen gemeinsam gedacht und gepflegt werden.

Geschichtsbewusstsein und die Bewahrung von Normen und Werten, sowie die Errungenschaften unseres kulturellen Erbes sind Güter, die am Leben gehalten werden müssen. Wer jedoch nur in der Vergangenheit lebt, der lässt seine Kultur unter einer Frischhaltefolie sterben, weil er vergisst, dass jene Errungenschaften eben auch nur in einer Gegenwart entstehen konnten, in der Menschen den Platz hatten, sich zu entfalten. Und alte Werke müssen und können auch nur aus der Gegenwart heraus verstanden werden. Ich bin nicht der Meinung, dass man eine Kultur oder ein Kunstwerk wieder so aufleben lassen kann, wie es zur Zeit seiner Entstehung erdacht wurde. Jede Generation muss eigene Wege des Ausdrucks finden, was natürlich auch mit Hilfe der Neuinterpretation alter Werke geschehen kann. Aber sie müssen eben neu interpretiert und bearbeitet werden, ansonsten kann der gegenwärtige Mensch nur bedingt etwas damit anfangen. Das Individuum ist so angelegt, das es jeden Input mit seinem gegenwärtigen Zustand in Relation setzt. Es kann keine früheren Zustände mehr annehmen. Dasselbe gilt für die Gesellschaft.

Was mich als Kind und auch als Jugendlicher am meisten abschreckte, war die Tatsache, dass man sich auf lokale, historische Prominente berief, bedeutende Persönlichkeiten aus der Region, die ihren Beitrag zur kulturellen Geschichte des Landes geleistet hatten. Das ist grundsätzlich nichts Schlimmes und keinesfalls zu kritisieren. Was mich aber störte und auch immer noch stört, das sind die Herangehensweisen. Meist wurde die Bedeutung einer Person an völlig oberflächlichen Aussagen und Handlungen gemessen. Die wurden dann aber gebetsmühlenartig und blutleer bis zum Abwinken wiederholt. Wenn man dann mal kritisch nachfragte, stellte sich in den meisten Fällen heraus, dass kaum einer sich wirklich auskannte, sondern meistens nur inhaltslose Phrasen wiederholte, die aus dem Zusammenhang gerissen an Bedeutung verloren hatten oder gänzlich falsch verstanden worden sind. Ähnliches trifft auch auf die sogenannte »deutsche Leitkultur« zu, die bei genauerer Betrachtung meist in regionale Kulturen zerbröselt, die jedoch durch Versuche ideologischer Identitätsbemühungen unter verschiedenen politischen Umständen zusammengekürzt wurden. Deutschland, was ist das eigentlich, wenn nicht ein Flickenteppich aus Mikrokulturen?

Viele, auch hier auf dem Land, berufen sich immer wieder gerne auf die »Dichter und Denker«. Doch kaum einer hat jemals ein Buch von ihnen gelesen oder sich mit den Feinheiten ihres Denkens bekannt gemacht. Ja, man trifft hier selten jemanden, der noch viele Bücher liest. Die einzigen kulturellen Bildungsträger, die fast jeder besitzt, sind Smartphones und Fernseher, ein paar CDs und Filme, sowie Computer, die ja bekanntlich vielseitig eingesetzt werden können, seltener aber um sich kulturell zu bilden. Kulturelle Ereignisse beschränken sich meist auf den gesteigerten Alkohol- und Drogenkonsum am Wochenende zu der immer gleichen schlechten Musik und demselben billigen Essen. Man redet nicht so viel, teilweise weil es nicht viel Neues gibt, teilweise auch aus Angst etwas falsches zu sagen oder aus reiner Interessenlosigkeit. Man verliert sich deshalb nicht selten in albernen Wortwitzen und derben Späßen. Ich selbst kann das sehr gut nachvollziehen und habe des Öfteren ganze Wochenenden so herumbekommen, habe viel gelacht, bin aber auch immer etwas deprimiert aus ihnen wieder entlassen worden.

Wir haben uns meistens sehr gelangweilt. Anders kann man es nicht sagen. Endlose Stunden zogen wir immer wieder durch dieselben menschenleeren Straßen und sahen einer perspektivlosen Zukunft entgegen. Meistens haben wir uns aus dieser Reizlosigkeit heraus betrunken. Die Situation wurde dann allmählich angenehmer, wir haben viel herumgeblödelt und so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Doch ich bin mir sicher, jeder hatte einmal diesen Moment, in dem er plötzlich von sich selbst enthoben war und sich ganz isoliert und ausgeliefert fühlte und aus seiner Blase blickte und einfach nur weg wollte. Entweder ging man dann nach Hause oder man betrank sich zur Besinnungslosigkeit. Ich persönlich musste unbedingt weg und etwas anderes sehen. Zu oft kamen mir diese Gedanken. Und wäre ich noch länger dort geblieben, ich hätte meine fatalistische Weltsicht weiter vertieft. Ich hätte mich der endlosen Tristesse ergeben und wäre gnadenlos abgestürzt. Daran hätte wohl auch ein gesichertes Einkommen nichts ändern können. Ich bin einfach zu schwach gewesen und habe nicht gewusst, wo ich hin will. Damals bin ich gar nicht erst auf die Idee gekommen, dass es auch anders hätte sein können.

 

Dabei gibt es viele Wege aus diesem Zustand schleichender Verbitterung zu entkommen. Doch oftmals hatte ich das Gefühl, dass die Leute, denen es am schlechtesten ging, auch alle anderen mit runter ziehen mussten, um an ihrem eigenen Selbstkonzept festhalten zu können. Das bekam ich am Anfang nur schleppend oder gar nicht mit. Eher wirkten diese Menschen (meist Männer) wie harte und coole Typen, mit denen man sich lieber nicht anlegte, weil man sonst Gefahr lief, hart »gedisst« zu werden. Aber eigentlich ist dieses Verhalten schon ganz schön armselig. In der Psychologie gibt es dafür den Begriff der »Entwertungsabwehr«, der sich ganz gut auf die Formel herunterbrechen lässt: »Selbstaufwertung durch Fremdabwertung«. Gründe für das eigene Versagen werden dabei im Anderen entdeckt, der nun zum Sündenbock weiterer Probleme degradiert wird. Das kann zu typisch männlichem Prollverhalten führen, aber auch zu Mobbing, Diskriminierung und Rassismus. Ist das Feindbild einmal gefunden, kann sich nach Herzenslust ausgetobt werden. Sadistische Gedanken haben dort keine Grenzen mehr, wo man einmal Menschen ausgegrenzt hat. Auf diesem Weg wird aber letztlich nur verhindert, dass man sich mit sich selbst auseinandersetzen muss. Nicht man selbst ist dann das Problem, sondern die anderen sind es. Die Flucht in die »Selbstaufwertung durch Fremdabwertung« ist natürlich nur eine Form der Verdrängung. Selbstverständlich wird durch dieses Verhalten nur die eigene Unzufriedenheit gefüttert. Wut potenziert sich vor allem auch da, wo man auf Gleichgesinnte trifft, die ebenfalls die Flucht vor den eigenen Problemen angetreten haben und sich von der Gesellschaft im Stich gelassen fühlen.

Wut kann psychologisch gesehen viele Ursachen haben, meist verbergen sich in ihr aber Depressionen und Ängste, die durch eine zunehmende Perspektivlosigkeit noch verstärkt werden. Kulturelle Angebote können dabei helfen, andere Perspektiven einzunehmen und neue Sichtweise zu gewinnen. Das Hineinversetzen in andere fördert unsere Fähigkeit zur Empathie. Dabei entwickeln wir nicht nur Verständnis für unsere Nächsten, sondern helfen dadurch auch uns selbst. Wenn wir uns beispielsweise mit den Problemen einer Romanfigur auseinandersetzen, ermöglicht das uns die Auseinandersetzung mit unseren eigenen Problemen. Wir sehen am Beispiel der Romanfiguren etwa, welche Konsequenzen unser Handeln in verschiedenen Situationen haben kann, ohne diese selbst erleben zu müssen. Zudem haben wir gerade auch durch den Roman die Möglichkeit, mit Emotionen reflektiert und unaufgeregt umzugehen. Ähnliches gilt für die Rezeption von Theaterstücken und Filmen. Beim Roman allerdings haben wir mehr noch die Gelegenheit zur stummen Betrachtung. Wir können das Buch weglegen und solange wir wollen über das Geschehene nachdenken.

 

In der DDR, ebenso wie in anderen Diktaturen, wurde die Kultur zu großen Teilen von der Regierung organisiert und die »richtige« Interpretation der Werke vorgeschrieben. Das hat, glaube ich, bei vielen Menschen im Osten zu einer gewissen Kulturverdrossenheit geführt, auch wenn das Bildungsniveau durchaus höher lag, als im Westen. Letztlich wurde der Bevölkerung aber das eigene Denken systematisch ausgetrieben und hat deshalb auch zu einer berechtigten Skepsis gegenüber Staat aber auch gegenüber Kunst- und Kulturschaffenden geführt. Viele kulturelle Strukturen sind noch immer nicht ausreichend ausgebaut worden, auch weil mitunter noch nicht begriffen wurde, dass die Voraussetzung für Kulturangebote in erster Linie durch ehrenamtliche Tätigkeiten und aus Eigeninitiative erschlossen werden müssen.

Ähnliches gilt für die Bildende Kunst. Der Inhalt eines staatlichen Kunstwerks in der DDR war auf den ersten Blick ersichtlich. Es ging immer um dieselben Themen. Ein Kunstwerk der Moderne allerdings braucht einen »langen Blick«, was heißen soll, dass man sich Zeit nehmen muss, um das Werk zu erschließen. Die Denkfähigkeit ist ebenso gefragt, wie die Fähigkeit zur Assoziation. Man muss sich zunächst von der Oberfläche lösen, um zum Kern durchzudringen und den Sinn zu entdecken, den der Künstler ins Werk gesetzt hat. Dazu bedarf es nicht nur einer Auseinandersetzung mit dem Bild allein, sondern ebenso einer Auseinandersetzung mit sich selbst. Man erlebt sich selbst als Beobachter, der Fragen aufwirft. Es geht also darum, die eigene Sichtweise zu hinterfragen und gewohnte Denkschemata zu zerbrechen. Dem Wutbürger, der laut schreit: »Soll das etwa Kunst sein?«, kann man nur antworten: »Solange du dir diese Frage stellen kannst, ist es Kunst.« Und eben jener Blick ist es, der überhaupt die Wahrnehmung von Kultur ermöglicht, die weit gefasst, alles bezeichnet, was der Mensch schafft. Folgerichtig ermöglicht dieser Blick auch das Verständnis und den Respekt gegenüber den Leistungen, die wir alle täglich erbringen. Jede Handlung ist dementsprechend eine Kulturleistung, die man deuten und hinterfragen kann, ganz im Beuysʼschen Sinne. Dem Menschen muss demzufolge auch Raum für Experimente gelassen werden. Er muss Erfahrungen im Beruf machen dürfen, die nicht nur auf Effizienz abzielen, sondern ebenso die Selbstentfaltung fördern. Das Kulturerlebnis wird dadurch ein umfassendes.

Letztlich ist der Mensch aber nicht nur ein Homo Faber, also ein schaffender Mensch, sondern eben auch ein Homo ludens, ein spielender Mensch. Über das Spiel entwickeln wir unsere kulturellen Fähigkeiten. Es ist eben auch ein Grundbedürfnis des Menschen, wie wir bei Kindern sehen können. Denn im Spiel offenbart sich das innere Erleben. Es geht eben nicht nur um das Schaffen selbst, sondern auch um die Möglichkeit des eigenen Ausdrucks und um das Durchspielen verschiedenster Situationen und Gefühlszustände. Wir alle haben das innige Bedürfnis unser inneres Erleben in die Welt zu bringen. So erst lernen wir mit den Lasten des Alltags umzugehen und negative Gefühle zu verarbeiten, die eine Leistungsgesellschaft zwangsläufig mit sich bringt. Das bloße Schaffen und Konsumieren kann nicht glücklich machen. Es geht darum, innere Beweggründe in die Welt zu entäußern. Erst dann fühlen wir uns wirklich lebendig, nämlich durch die aktive Mitgestaltung der Kultur im weitesten Sinne, durch die Anerkennung des eigenen Tuns durch die Gesellschaft. Kultur kann unsere Gesellschaft zusammenhalten, davon bin ich überzeugt.

Meine Überlegungen dieses möglichen Auswegs aus dem Zustand der Verrohung und der schleichenden Unzufriedenheit stammt nicht von mir, sondern geht auf Friedrich Schillers Abhandlung »Über die ästhetische Erziehung des Menschen« zurück. Der Begriff des »Spiels« ist bei ihm untrennbar mit der Selbstentfaltung des Menschen verbunden. Erst im Spiel kann sich der Mensch selbst erkennen und Freiheit überhaupt erst erleben und begreifen. Das Spiel im kulturellen bzw. ästhetischen Sinne findet sich bei ihm nur dort, wo Gefühl und Vernunft im Gleichgewicht ineinandergreifen, wo also Sinnlichkeit auf Inhalt trifft. Dort kommt es zu einem »Zustand der höchsten Ruhe und der höchsten Bewegung«. Und so ist auch der viel zitierte Satz von Schiller zu verstehen: »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.«

Ich glaube nicht, dass man bloß Kulturangebote schaffen muss und dann lösen sich gesellschaftliche Probleme von selbst. Aber man kann doch ganz gut humane Verhaltensweisen schulen, die in einer Gesellschaft, die immer weiter verroht, recht nützlich wären. Zum Beispiel kann etwa durch das gemeinsame Musizieren ein anhaltendes Glücksgefühl erzeugt werden. Schon allein, wenn man regelmäßig miteinander spielt, schult das nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern man lernt auch, sich gegenseitig zuzuhören, respektvoll miteinander umzugehen und aufeinander besonnen zu reagieren. Zudem wird man auch jedes Mal ein bisschen besser, oft auch nur weil man sich miteinander abspricht und schwierige Stellen zusammen wieder und wieder übt.

Es kommt meiner Meinung nach auch gar nicht so sehr auf die Qualität und das Können an, damit Kunst und Kultur wirken. Ich habe einmal in Mexiko eine Mariachi-Band gesehen, die so schlecht war, dass sich in Deutschland keiner auch nur ansatzweise mit solchen Fähigkeiten auf die Bühne getraut hätte. Aber die haben es einfach gemacht und niemand hat sich dafür geschämt oder fremdgeschämt. Den Leuten hat es gefallen, weil es dort, mitten im Dschungel, keine andere Alternative gab. Sie waren glücklich, mit dem was sie hatten. Das Publikum hat aufmerksam zugehört und jeder hat sich gefreut, dass es ein bisschen Live-Musik gab. Ich glaube nicht, dass es viel dazu braucht, ein wenig mehr Menschlichkeit in die Gesellschaft zurückzubringen und dabei auch noch den positiven Nebeneffekt zu erzeugen, selbst ein bisschen glücklicher zu werden. Ich bin der Meinung, wir sollten uns endlich von unserem Fatalismus lösen und auf unseren Paletten wieder hellere Farben mischen. Also Schluss mit der Schwarzmalerei! Wir müssen der Interessenlosigkeit trotzen und uns neue Perspektiven aneignen. Dabei kann die Kultur definitiv einen erheblichen Beitrag leisten. Indem sie uns dabei hilft, wieder blühende Landschaften zu erkennen, wo wir vorher nichts weiter sahen als endlose Tristesse.

(Fotografien: Philipp Baumgarten)