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Kulturförderung in der Provinz – Neun Thesen

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von Kenneth Anders-2. Juli, 2018

Eine Investition in selbstbewusste Regionen

 

 

  1. Die Kultur ist für die Leute da.

Zwei tief verwurzelte Erwartungen prägen die öffentliche Kulturförderung in der Provinz:

  • Sie soll zum Motor der Veränderung der ländlichen Gesellschaft werden und
  • die touristische Anziehungskraft dieser Regionen erhöhen.

Mit beiden Erwartungen zäumt man das Pferd von hinten auf. Regionalentwicklung und gesellschaftliche Attraktivität gehören zu den mittelfristigen Auswirkungen gelingender Kulturprozesse, sie sind nicht deren unmittelbares Ergebnis. Die Kultur sollte zunächst auf die Stärkung der provinziellen Gesellschaften selbst gerichtet sein.

 

  1. Kultur soll Kooperation fördern.

Mit dem in den letzten Jahren in der Debatte recht bestimmenden Raumpionierdiskurs ging eine Unterschätzung jener Akteure einher, die nicht im kulturellen Milieu wahrgenommen werden und oftmals bereits längere Bindungen an die ländlichen Räume haben. Tatsächlich werden die brandenburgischen Provinzen durch viele gut ausgebildete und gesellschaftlich hoch reflektierte Persönlichkeiten geprägt. Diese Menschen sollten von den öffentlich geförderten Kulturinstitutionen und -initiativen als wichtigste Partner in ihrer Arbeit angesprochen werden.

 

  1. Kultur soll Anschluss an das regionale Wissen suchen.

Die prägenden Persönlichkeiten des ländlichen Raums haben ein hohes Urteilsvermögen sowie ein sehr differenziertes Wissen von ihren Regionen entwickelt. Ehrenamtliche Kommunalvertreter und Naturschützer, Heimatforscher, Fachleute, Landwirte, Planer, Feuerwehrleute und viele andere Akteure können einen großen Reichtum an Perspektiven in die Kultur eintragen. Öffentliche Kultur soll an den Perspektiven, dem Wissen und an den Sichtweisen dieser Menschen Interesse entwickeln. Wer mit ehrlichem Sinn in die Provinz tritt wird erkennen, dass sie nicht langweilig ist und eine künstlerische Auseinandersetzung verdient. Dies gilt auch für die kulturelle Bildung und die Schulcurricula, in denen der Anteil landschaftlicher Bildung erheblich vergrößert werden sollte.

 

  1. Ländliche Kultur entsteht zwischen Erwerb, Engagement und Subsistenz.

In Verwaltungen, in größeren Betrieben und Institutionen findet man auf dem Land Erwerbsverhältnisse, wie sie auch in der Stadt der Normalfall sind. Diese Strukturen geben dem Land halt und sind unverzichtbar. Ländliche Kultur aber war schon immer auf Menschen angewiesen, die eine hohe Selbstverantwortung für ihre Lebensentwürfe tragen und auf die geringere Versorgung mit Infrastruktur und Angeboten selbstbewusste Antworten finden. Freie Bauern und Handwerker gehören ebenso dazu wie Künstler. Typisch für deren Arbeitsbiografen ist ein Dreieck aus Erwerb, Engagement und Subsistenz. Wer die ländlichen Räume fördern will, muss zunächst einen Zugang zu dieser spezifischen Kultur finden, die nicht in der Logik der Versorgung mit Angeboten aufgeht.

 

  1. Kultur soll nicht belehren sondern beschreiben, verstehen und ermutigen

Der Ökologiediskurs, der Landwirtschaftsdiskurs und der demografische Diskurs haben zu einer teilweise überheblichen und oft vereinfachenden Sichtweise auf die ländlichen Räume beigetragen. Sofern öffentliche Mittel für Kultur im ländlichen bzw. provinziellen Raum ausgegeben werden, sollte darauf geachtet werden, dass eine offene und sich auf die Widersprüche dieser Räume einlassende Haltung in den Projekten zum Ausdruck kommt.

 

  1. Wo das Dorf verstummt, muss die Region ihre Sprache finden.

Die sprichwörtlich vitale dörfliche Kommunikation kommt in dem Maße zu Erliegen, in dem Dörfer ihren Zusammenhang als wirtschaftliche Systeme verlieren. Das Dorf kann seine Zukunft nur als Teil von Kulturlandschaften sichern. Damit diese Räume ihr Selbstverständnis und ihre Integrationskraft stärken können, brauchen sie Kommunikation.

 

  1. Ohne Kultur keine erfolgreiche Kommunalreform

In der regionalen Kommunikation wird auch über die Zugehörigkeit zu einem Handlungsraum entschieden. Was geht mich an, für welche Orte fühle ich mich verantwortlich, welche Angelegenheiten kann und will ich mitbestimmen? Die mit diesen Fragen verbundenen Horizonte lassen sich erweitern, wenn es eine raumbezogene Kultur gibt. Kulturinstitutionen und -projekte können auf klug formierte Räume zugeschnitten werden. Davon hängt entscheidend die Bereitschaft der Bewohner ländlicher Räume ab, die kommunale Selbstverwaltung räumlich neu zu ordnen. Dies setzt aber einen kulturellen Vorlauf von mindestens zehn Jahren voraus.

 

  1. Die Provinz ist nicht langsamer als der Ballungsraum.

Die Vorstellung, das Land sei langsamer als die Stadt, ist ebenso tief verwurzelt wie falsch. Tatsächlich verändert sich die ländliche Gesellschaft ebenso schnell wie jene in der Stadt. Bewältigt werden kann diese Veränderung nur durch Kommunikation und Mobilität. Je besser die Versorgung der ländlichen Regionen mit schnellem Internet und gut getakteten Mobilitätsangeboten gelingt, umso besser können sich diese Räume entwickeln.

 

  1. Aus gelingender Selbstbeschreibung erwächst Neugier auf die Welt.

Oft wird die Skepsis der Provinz gegenüber Veränderungen beklagt. Sofern dieser Befund der Wahrheit entspricht, hat er mit einer ungenügenden Selbstbeschreibung zu tun. Wo das eigene in kulturellen Formen Kraft und Schönheit gefunden hat, wächst auch die Offenheit für die Welt. So paradox es klingt: Gerade in der Zeit der Globalisierung muss die „kulturelle Beschäftigung mit sich selbst“ verstärkt werden. Sie schafft die Voraussetzung dafür, am Geschehen in anderen Teilen der Welt Anteil zu nehmen.