Denkraum, Kunstraum, Stadtraum

Diktatur der Typografie

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von Redaktion-13. Dezember, 2019

Im vergangenen Mai feierten wir im Rahmen von OpenSpaceZeitz die Veranstaltungswoche „Schützenfest„. Kunstausstellungen, Konzert, Kabarett, Fahrradkino und Diskussionsveranstaltungen lockten die Menschen in die alte Zigarrenfabrik und die ehemalige Metzgerei in der Zeitzer Schützenstraße. Anlässlich der Stadtrats- und Europawahlen setzten sich die künstlerischen Interventionen mit demografischen Herausforderungen und Fragen des Wertewandels und Demokratieverständnisses auseinander. Josefine Schön war mit ihrer Kunst dabei im gesamten Zeitzer Stadtbild präsent.

Ihre dreiteilige Plakatserie „COMPACTA“ fand ihren Ursprung in der Untersuchung einer Schrift. Ob im realen oder virtuellen Raum, Schrift ist omnipräsent. Dafür setzte sich Schön in einer Recherche über die Schrift Compacta mit dringlichen Fragen auseinander: Wann wird welche Schriftart gewählt, um welchen Effekt zu erzeugen? Gibt es bestimmte Milieus für bestimmte Schriften? Und ab wann verbinden Leser*innen Inhalte mit einer Schriftart, die sie irgendwo gesehen haben?

Inhaltlich bestand das Ziel darin, eine Fiktion über die Schriftart zu erfinden, was mittels der Plakatserie und der Erschaffung des vermeintlich seriösen Büros „COMPACTA“ geschah. Zunächst betrachtete sie dazu die Glyphen der Schrift, die zu den schmalfetten Grotesken zählt und stellte fest, dass sie sich durch einen extrem hohen Grauwert, einschneidende Plakativität, eine große x-Höhe sowie durch ihre blockhafte Erscheinung auszeichnen. Aus den Buchstaben löste sie charakteristische Formenmerkmale heraus und erstellte aus ihnen neue Sonderzeichen wie Pfeile und Unterstreichungen, die sie anschließend für die Plakatserie verwendete. Die plakative Schriftart Compacta erinnert dabei an reißerische Schlagzeilen der Boulevardpress sowie Wahl- und Werbeplakate.

Sie untersuchte Fotografien von Protesten und nahm signifikante Unterschiede wahr: Während auf manchen Demonstrationen vielfältige, selbstgebastelte Schilder und Banner zu sehen sind, sind andere Proteste regelrecht durchgestaltet. Sowohl Greenpeace als auch die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ protestieren zum Teil mit aufwendigen Performances, Installationen und vor allem einem klaren visuellen Erscheinungsbild. Eine Corporate Identity und ein Corporate Design erwecken den Anschein von Professionalität, schaffen einen großen Wiedererkennungswert, strahlen eine vermeintliche Seriosität aus und vereinen Anhänger*Innen der Bewegungen durch Erkennungszeichen wie Logos und Slogans.

Bei der Recherche von Wahlplakaten, Schlagzeilen und Protesten entdeckte sie eine frappierende Ähnlichkeit: Wenn Fakten heruntergebrochen werden, Plakativität und Lesbarkeit oberste Priorität haben und radikalere Inhalte wiedergegeben werden, kommen die schmalfetten Groteskschriften zum Einsatz. Sie musste erkennen, dass Compacta die Schriftart der verkürzten Sprache ist.

Ihre Plakate spielen mit dem Wiedererkennungswert unterschiedlicher Schrifttypen sowie den jeweils vermittelten Gefühlen und unbewussten Schlussfolgerungen. Sie zeigen prägnante Text-Kombinationen in kontrastreichem Schwarz-Weiß: „Protest muss sich wieder lohnen“ oder „Mieten rauf, Hartz IV runter“.

Das erdachte Büro „COMPACTA“ widerum stellt eine Dystopie dar, in der ein fiktives, anti-moralisches und -kapitalistisches Grafik-Design Büro das Ziel hat, jegliche politische Bewegung unter seinem schwarz-weißen, typografischen Markenbild zu vereinbaren:

„Das Büro selbst vertritt ein ganz klares visuelles Erscheinungsbild, das ausschließlich die Farben Schwarz und Weiß und die Schriftart Compacta erlaubt. Das Design ist schlicht, elegant, verhält sich neutral zu bereits verwendeten Farben von politischen Parteien und anderen Bewegungen und ist daher anpassungsfähig an unterschiedliche Kund*Innen und deren Ziele. Das Protestbüro Compacta propagiert damit Seriosität und die Macht der plakativen Typografie, die unkompliziertes und erfolgreiches Demonstrieren verspricht. Ähnlich wie Convenience Food den Menschen das „komplizierte und zeitaufwendige Kochen“ abnimmt, erleichtert das seriöse Protestbüro Compacta das Leben der Menschen, indem es für sie politisch aktiv wird, eindringliche Slogans kreiert und das Corporate Design der Demonstrationen übernimmt. Das Büro positioniert sich unabhängig von jeglicher politischer Meinung, alle Kund*Innen werden bedient, solange sie zahlen können.“

Mit der Serie „COMPACTA“ mahnt Josefine Schön satirisch und polemisch an wie leicht Menschen durch unfundierte Aussagen zu überzeugen sind, sobald diese in einem vemeintlich seriösen Erscheinungsbild verpackt sind. „COMPACTA“ macht darauf aufmerksam, dass sich hinter geschickt formulierten Slogans und verkürzter Sprache, die auch eine Ungenauigkeit der Information bedeutet, Falschwissen verbergen kann. Schön möchte dazu aufrufen, sich zu informieren, politisch aktiv zu werden und dieses Falschwissen aufzudecken.

„Meine Plakatserie zeigt eine Welt, in der sich die Menschen von politischer Aktivität, von Demokratie und Vielfalt, aber auch vom Links-/Rechts-Denken und sogar vom Patriarchat entfernt haben: Es herrscht eine Diktatur der Typografie, das „goldene Typografiarchat“.“

 

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Josefine Schön, geboren 1996 in Regensburg, studiert seit 2016 an der HGB Buchkunst/ Grafikdesign in der Klasse für Illustration bei Prof. Thomas M. Müller. Mit ihrer Arbeit „Compacta“ gewann sie 2018 den Studienpreis der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu Leipzig.

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