Denkraum, Kunstraum, Stadtraum

Quo vadis, Zeitz. Deutschland. Europa?

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von Sophia Pietryga-7. Mai, 2019

Wir sind in Zeitz, bekannt dafür, dass ein Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner die AfD wählen, in einer Stadt, die der Deutschlandfunk vor zwei Jahren als Geister- und Trümmerstadt beschrieben hat. Demographische Herausforderungen gehen hier Hand in Hand mit demokratischen Herausforderungen. Drei Ausstellungen eröffnen in der alten Zeitzer Zigarrenfabrik und in der der ehemaligen Fleischerei Merkel; Leerstand ist hier nicht hippes Ausstellungskonzept outside the white cube, sondern die Realität der Stadt.

Drei Künstler*innen sind nach Zeitz gekommen und intervenieren an diesen Orten, bringen ihre künstlerische, aber auch politische Perspektive ein. Eva Leitolf zeigt die Situation der Europäischen Außengrenzen, Paula Markert setzt sich mit dem NSU-Komplex auseinander, Sebastian Jung überträgt persönliche Erfahrungen auf gesellschaftliche Prozesse.

Postcards from Europe

Eva Leitolf schickt „Postcards from Europe“: Sie bereist die brisantesten Grenzregionen Europas, vor allem der EU. Spanien und die spanischen Enklaven, die von Marokko umgeben sind, Ungarn, Süditalien, Griechenland und viele mehr. Sobald wir diese Ländernamen im Zusammenhang mit dem Reizbegriff „Grenze“ hören, haben wir Bilder vor Augen. Überfüllte Schlauchboote an den Küsten Griechenlands, Menschenschlangen auf ungarischen Autobahnen. Aufnahmen, die sich ins kollektive Bildgedächtnis eingebrannt haben. Es gibt nicht unbedingt „das eine“ Presse- oder Reportagefoto, das pars pro toto steht, aber eine Art immer wiederkehrende Motivik und Bildsprache die sich über die mediale Berichterstattung der letzten Jahre eingebrannt hat.

Eva Leitolf bricht dieses Bild auf. Sie dokumentiert das Leiden der von Migration betroffenen Menschen nicht durch das Darstellen dieser, sondern porträtiert Orte, die ihr auf ihren Recherchereisen begegnen. Auf den ersten Blick haben wir es im weitesten Sinne mit Landschaftsfotos zu tun, wie, zugegeben sehr professionell geschossene, Urlaubsfotos einer Küstenregion. Doch es schleichen sich mit dem zweiten Blick Störpunkte in die Bilder: Die unbelebte Reling eines Schiffes auf dem Mittelmeer, angeschnitten wird ein orangenes Rettungsboot. Die umgekippten Stühle einer Sitzgruppe im Garten. Eine zerrissene Coca-Cola Flagge an einer Strandpromenade. Besonders eindrücklich werden diese Störmomente auf dem Foto eines Orangenbaums: Im vorbeigehen ein hübsches Motiv, wie auf einer Urlaubskarte aus Sevilla. Ein saftig grüner Baum, gesprenkelt von orange leuchtenden Kugeln. Daneben der Text: „Für ein Kilogramm Moro- oder Navelorangen bekommen kalabrische Obstbauern im Januar 2010 von ihren Abnehmern fünf Cent. Den zumeist illegal beschäftigten afrikanischen und osteuropäischen Saisonarbeitern zahlen sie zwischen 20 und 25 Euro für einen Arbeitstag. Je nach Sorte und Baumbeschaffenheit pflückt ein Arbeiter täglich 400 bis 700 Kilogramm Orangen. Da sich für die Bauern das Geschäft nicht mehr rechnet, stellen viele die Ernte ein.

Diese Texte – je einem Bild ist solch ein kurzer Text zugeordnet – vermitteln neben der bildsprachlichen Ebene die Brisanz des behandelten Themenkomplexes. Leitolf untersucht und hinterfragt in den „Postcards from Europe“ unsere Sehgewohnheiten und Wahrnehmung und schafft es, den Blick auf Migration und Außengrenzen und den europäischen Umgang damit, eindrücklich zu erweitern.

Die Mordserie des NSU. Eine Reise durch Deutschland.

Paula Markert verknüpft ebenfalls Foto- und Textelemente, um einen Themenkomplex zu beleuchten, der in den letzten Jahren mindestens genauso kontrovers diskutiert wurde: Für ihre Arbeit „Die Mordserie des NSU. Eine Reise durch Deutschland.“, die im Juni 2019 als Buch erscheinen wird, reiste sie von Herbst 2014 bis Frühjahr 2017 auf den Spuren des NSU durch das Land, um Menschen und Orte zu fotografieren, um die Fassungslosigkeit zu visualisieren, ob zehn rechtsterroristischer Morde, die in sieben Jahren unter den Augen des Verfassungsschutzes passierten. Wir alle kennen diese Fassungslosigkeit, immer verknüpft mit Erklärungsversuchen über die Entstehung eines Nationalsozialistischen Untergrunds und noch mehr Unverständnis, je mehr Fakten, Verknüpfungen und Ungereimtheiten in den 438 Verhandlungstagen des NSU-Prozesses und darüber hinaus ans Licht kommen.

Ihrer Arbeit vorangestellt ist ein Klagelied aus dem Buch „Blumen für Otello“ der Lyrikerin Esther Dischereit, die 2012 und 2013 Beobachterin des NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags war:

Ich gehe zurück

zu meinem Laden

streiche vorüber an geschlossenen Jalousien

will dem toten Mann darin

ein Weißbrot geben

einen Tee

der Tee ist kalt und hat den Rand des Glases

schon verfärbt der Tee ist kalt und hat den Rand

des Glases schon verfärbt

am nächsten Morgen komme ich, sag ich,

am nächsten Morgen und geb dir wieder

ein Weißbrot und ein Glas voll heißen süßen

schwarzen Tees.

Das sind die letzten Verse des Gedichtes, das in seiner Intensität an die „Todesfuge“ von Paul Celan erinnert und unsere Gedanken zu den Opfern der Mordserie bringt.

Das erste Bild mit dem Paula Markert uns konfrontiert, katapultiert uns direkt zurück zu den Tätern: Auf einem an der Wand montierten Bildschirm sind die Fahndungsfotos von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu sehen, ausgestrahlt von den Tagesthemen. Es folgen Fotos einer Spurensuche: Landschaften, Porträts von Ermittlern, Beobachtern, Opfern. Dazwischen Texte, aus der Berichterstattung der Medien, Interviews, Gerichtsprotokolle, Gutachten. Sie ergänzen das Bild des NSU-Trios, aber auch des Umfeldes und der Gegebenheiten in den 1990er und 2000er Jahren.

Ein Bild sticht besonders heraus. Eine Gruppe von drei Personen ist zu sehen. In der Mitte die Rückenansicht einer Frau, schmal und kleiner als die Umstehenden, in einem dunkelblauen Blazer, über den ihre langen, dunklen Locken fallen. Auch ohne ihr Gesicht zu sehen ist klar, dass es sich um Beate Zschäpe handelt. Links und rechts neben ihr stehen die Verteidiger*innen Anja Sturm und Wolfgang Heer, es ist der 195. Verhandlungstag am Strafjustizzentrum München. An diesem Tag beginnt das Gericht mit der Beweisaufnahme zum Tatkomplex Raubüberfälle. Alle, auch die Polizistinnen und Polizisten im Hintergrund lachen, niemand schaut sich an, alle haben ihre Augen auf unterschiedliche, leere Punkte gerichtet. Über Beate Zschäpe und ihre Rolle im NSU-Trio wurde viel berichtet, aber auch über ihre Beziehung zu Mundlos und Böhnhardt, ihre Kleidung und Frisur während des Prozesses; im Sommer letzten Jahres fragte ein Spiegel Online-Artikel, wie sich Zschäpe wohl fühle in Untersuchungshaft, auch weil sie ihre Mutter nun schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Paula Markerts Blick geht weiter, über die Rolle einer einzelnen Person hinaus und begreift die Mordserie des NSU auch als Symptom gesellschaftlichen Versagens.

Meine Freunde sind nach Bayern gezogen, ich nach Sachsen.

Sebastian Jung geht von einem persönlicheren Ansatz aus. Die Ausstellung und Intervention „Meine Freunde sind nach Bayern gezogen, ich nach Sachsen.“ geht indirekt den demographischen Wandel in den ländlichen Regionen, vor allem in Ostdeutschland, an. Jung spekuliert über das Wegziehen aus der Perspektive des Weggezogenen. Er selbst ist vor einem halben Jahr von Jena nach Leipzig gezogen, was nicht direkt der Umzug vom Land in die Stadt ist, aber immerhin hat sich die Größe der Stadt verfünffacht. Die Räume der ehemaligen Fleischerei Merkel werden zur Bühne der Versuchsanordnung über Verlust und Trostlosigkeit.

Die Regale und Kühlfächer im Verkaufsraum der Fleischerei sind leer, alles ist hygienisch-sauber weiß gefliest, nicht ganz modern, aber das muss sie auch nicht mehr sein. Das große Logo klebt noch im Eingangsbereich, auf der Theke steht ein Blumengesteck, vertrocknet, es wurde scheinbar mit dem letzten Abschließen des Geschäfts einfach stehen gelassen. Die Decke darunter ist schwarz-rot-gelb, das verwundert nicht weiter, scheint ein prägendes Einrichtungsmerkmal der Region zu sein. Doch ein großes Loch ist in der Mitte der Decke und ein paar Zentimeter darunter das passende Gegenstück: Das kreisrund ausgeschnittene Emblem der DDR. Ein Verweis auf eine typische Praxis der Nachwendezeit. Nach der Wiedervereinigung wurde aus praktischen Gründen vor allem an öffentlichen Gebäuden die Mitte der DDR-Fahne ausgeschnitten oder übermalt. Der Verlust der dabei, auch im übertragenen Sinne entstand, prägt die Neuen Bundesländer bis heute. Sebastian Jung füllt diese Leerstelle der Verlustgeschichte ironisch-symbolisch – mit einer Fleischkäsesemmel. Das Motiv zieht sich durch die gesamte Ausstellung, wurde in der künstlerischen Recherche Jungs als beliebte Zwischenmahlzeit identifiziert, die ihren Weg von Bayern in die gesamtdeutschen Einkaufzentren gefunden hat.

Die Ausstellung erstreckt sich vom Verkaufsraum in die Kühl- und Lagerräume der Fleischerei. Die Arbeiten im ersten Raum erinnern noch weitestgehend an Werbegrafiken, die es vielleicht auch mal in diesen Räumen gab. Es sind Collagen, die auf den zweiten Blick drastisch ihre Werbeästhetik verlieren; die bunten Bilder entlarven sich als sich übergebende Figuren, vor einem Muster aus Sternen und Fleischkäsebrötchen. Im dahinterliegenden Raum hängen Zeichnungen von brötchenessenden Menschen, treffend beobachtete Prototypen eines Einkaufszentrums, jeweils in einem Rahmen mit einem Foto der immer gleichen Fleischkäsesemmel. Vor den Zeichnungen findet sich wieder eine zensierte DDR-Fahne, als Stange dient ein Wischmob von Vileda, daneben der passende Putzeimer. Der Kühlraum setzt sich mit dem Gefühl des Zurücklassens und Verlusts auseinander. Fotos mit Selfies von Freundinnen und Freunden des Künstlers sind Prosafragmenten zugeordnet, die sich selbstreflexiv mit den Ängsten und Problemen, aber auch mit den neugewonnenen Möglichkeiten eines neuen Lebensabschnitts auseinandersetzen. Die finale Arbeit der Ausstellung ist eine puppenartige Figur, die aus einem Vorhangstoff gearbeitet ist, den Jung in der Fleischerei vorgefunden hat. Der Stoff bezeugt die guten Zeiten der Fleischerei, ist mit einem abstrakt-geometrischen Muster und den Farbverläufen von braun bis blau ein Designrelikt der 90er Jahre. Die Figur liegt auf dem Boden, richtet aber ihren Oberkörper und Kopf so auf, dass sie sich dem Stoff aus dem sie geschnitten wurde entgegenstreckt und so zugleich in ihre Vergangenheit und Zukunft zu blicken scheint.

30 Jahre Mauerfall, 15 Jahre Frontex, sechs Jahre seit der ersten Verhandlung im NSU-Prozess. Aber auch: Drei Wochen vor der Europawahl und der Kommunalwahl im Burgenlandkreis. Eva Leitolf, Paula Markert und Sebastian Jung fragen jeweils auf ihre Weise: Quo vadis, Zeitz – Deutschland – Europa? und gehen damit nicht nur demographischen Herausforderungen auf den Grund, sondern hinterfragen gleichzeitig den aktuellen Stand unseres Demokratieverständnisses.

 

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