Denkraum, Stadtraum

Kulturerbe als politische Kampfzone

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von Arnold Bartetzky-27. Februar, 2019

Wie viel Einfluss hat unser biologisches Erbe auf unsere Lebensgestaltung? Wie viel Entscheidungsfreiheit lässt es uns? Darüber wird seit Jahrhunderten heftig und immer wieder mit brisanten Schlussfolgerungen diskutiert. Unser Kulturerbe ist dagegen stets eine Frage der Entscheidung. Bei Kulturleistungen können die Menschen selbst bestimmen, was sie als ihr Erbe ansehen – und was nicht. Sie können das Erbe annehmen und pflegen, ignorieren und verwahrlosen lassen oder auch ablehnen und vernichten.

Der Status als Kulturerbe ist deshalb keine den Dingen selbst innewohnende Eigenschaft. Bauten, Kunstwerke oder auch kulturelle Praktiken werden erst durch menschliche Aktivitäten zum Kulturerbe. Dieses ist das Ergebnis einer von Ort zu Ort unterschiedlichen und in permanentem Wandel befindlichen Konstruktionsleistung, die in sozialen Prozessen und oftmals durch ausgesprochen politische Entscheidungen entsteht. Die Auseinandersetzungen um den Abriss des Palasts der Republik und den Wiederaufbau des Stadtschlosses in Berlin an seiner Stelle haben vor Augen geführt, dass das Kulturerbe eine politische Kampfzone sein kann. Für ihre Befürworter ist die Schlossrekonstruktion eine städtebauliche Reparatur und ein Akt der Wiedergewinnung von Geschichte. Die Kritiker dagegen prangern den Abriss des DDR-Palasts als Eliminierung eines missliebigen Geschichtszeugnisses im Dienste einer architekturpolitischen Siegerjustiz an.

Dass der Umgang mit Kulturerbe auf einer konfliktträchtigen Auswahl beruht, bei der der Rückgriff auf die Geschichte und ihre Verdrängung zwei Seiten einer Medaille sind, lässt sich nicht nur an dem heiß diskutierten Berliner Gegenbaupaar, sondern auch an unzähligen anderen umkämpften Bauwerken und Denkmälern studieren. Eine besondere Dichte von Beispielen bietet die östliche Hälfte Europas. Die Gründe dafür liegen in der Geschichte: In wohl keinem anderen Teil der Welt gab es in den vergangenen zwei Jahrhunderten so viele Grenzverschiebungen, Zwangsmigrationen, Regime- und Systemwechsel wie in den Ländern zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer. Die Brüche und Umwälzungen sind bis in die jüngste Zeit von wechselnden Interpretationen von Geschichte und Definitionen von Erbe begleitet. Was zur identitätspolitischen Agenda der jeweiligen Machthaber oder von dominierenden gesellschaftlichen Gruppen passt, wird in Szene gesetzt. Was unwillkommen ist, wird zerstört, abgedrängt, versteckt, überformt.

So konstruierte etwa das 1830 neu gegründete Königreich Griechenland eine Kontinuitätslinie zur griechischen Antike, was in prachtvollen klassizistischen Neubauten für staatliche Institutionen und Rekonstruktionen antiker Baudenkmäler in Athen zum Ausdruck kam. Zugleich wurde in Griechenland und anderen Ländern Südosteuropas das Bauerbe des Osmanischen Reiches dezimiert. Denn es zeugte von der jahrhundertelangen Prägung durch die muslimische Kultur und passte damit nicht zum Selbstbild der meisten sich neu formierenden Nationalstaaten. In Belgrad etwa soll es im 19. Jahrhundert mehr als 60 Moscheen gegeben haben. Nur eine von ihnen ist übriggeblieben.

Im Ergebnis des Ersten Weltkriegs entstanden weitere Nationalstaaten in der östlichen Hälfte Europas. Das zog den Bau vieler neuer Denkmäler nach sich – und wohl noch mehr Zerstörungen von Denkmälern und politischen Symbolbauten. In den Westteilen Polens stürzten preußische Standbilder von den Sockeln. In der Tschechoslowakei fielen Monumente, die für die abgeschüttelte österreichische oder auch, im slowakischen Teil der Republik, die ungarische Dominanz standen. In den ehemals russischen Teilen Polens und in den baltischen Staaten wurden Bauten und Monumente abgerissen, die an die Herrschaft des Zarenreiches und dessen Russifizierungspolitik erinnerten. Auch in Russland selbst fielen unzählige Paläste und Kirchen staatlichen Zerstörungskampagnen zum Opfer, weil sie nach der Revolution mit dem besiegten Zarenregime identifiziert wurden. Das wohl spektakulärste Beispiel ist die Sprengung der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, des Zentrums der russisch-orthodoxen Kirche. Anstelle ihrer Goldkuppeln sollte der Sowjetpalast in den Himmel ragen. Mit über 400 Metern Höhe und einer riesigen Lenin-Statue auf dem Dach wäre er das höchste Gebäude der Welt geworden – wurde aber nie gebaut.

Der Zweite Weltkrieg und die politische Neuordnung in seiner Folge brachten den nächsten Umbruch. Ein Großteil des jüdischen Bauerbes, das besonders in der östlichen Hälfte Europas zahlreiche Städte geprägt hatte, wurde vernichtet. Was der Zerstörung entgangen war, blieb nach dem Krieg dem Verfall überlassen, weil die Nutzer fehlten und es in den Identitätsentwürfen der sozialistischen Nachkriegsstaaten kaum Platz für jüdische Kultur gab. Grenzverschiebungen und Vertreibungen führten in den ehemaligen deutschen Ostgebieten und im von der Sowjetunion annektierten Osten Polens vielfach zur Zerstörung von Kulturgut. Gleichzeitig startete aber Polen die Rekonstruktion einiger historischer Zentren in den Großstädten, die zum Teil mit einer nationalen Umkodierung des Bauerbes Hand in Hand ging. Städte wie Breslau oder Danzig, in denen vor 1945 mehrheitlich Deutsche gelebt hatten, wurden zu urpolnischen Orten erklärt. Die historischen Argumente waren nicht immer lupenrein, aber die Umdeutung förderte die Aneignung des Bauerbes durch die neuen Bewohner.

Nach 1989 wurden wiederum die meisten Denkmäler des Kommunismus zerstört oder von den Stadtplätzen verbannt, zum Teil in exotisierende Themenparks, die in der Peripherie eingerichtet worden waren. Ein Beispiel ist der 1993 eröffnete Szoborpark („Statuenpark“) in Budapest, in dem die abgeräumten Denkmäler in karikierender Manier zur Schau gestellt werden.

Es folgte ein neuer Denkmalboom, in dessen Ergebnis sich heute an manchen Orten im postsozialistischen Europa die neuen Standbilder geradezu gegenseitig die Schau stehlen. Zugleich setzte eine Welle architektonischer Rekonstruktionsprojekte ein. Viele Gebäude wurden wieder aufgebaut, die für die vorkommunistische Nationalgeschichte stehen und von den kommunistischen Machthabern aus ideologischer Aversion zerstört worden waren. Das Berliner Schloss oder die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau sind dafür nur zwei Beispiele. Manchmal wurden aber aus symbolpolitischen Gründen auch Bauten wiedererrichtet, deren genaues Aussehen nicht einmal überliefert ist, weil sie schon vor Jahrhunderten von der Bildfläche verschwunden waren, wie zum Beispiel der Großfürstliche Palast in Vilnius oder die Königsburg in Posen. Sie sollen an eine glorifizierte, ferne Vergangenheit anknüpfen, Kontinuität suggerieren und die historischen Brüche glätten. Die selektive Inszenierung der Geschichte führt nicht nur in Deutschland immer wieder zu Auseinandersetzungen, heftige Kontroversen sind bei prominenten Rekonstruktionsprojekten deshalb eher die Regel als die Ausnahme.

Mit verschiedenen Facetten solcher Konstruktionen von Kulturerbe beschäftigen wir uns am GWZO seit Jahren. Künftig wollen wir unser Interesse besonders auf das Themenfeld „Erbe ohne Erben“ richten. Dieser Arbeitstitel ist eigentlich ein Paradoxon, denn zum Erbe kann etwas nur werden, wenn es jemanden gibt, der sich als Erbe begreift. Das Kulturerbe ist wegen seines überindividuellen Charakters auf Erbgemeinschaften angewiesen. Dabei kann es sich um örtliche Initiativen handeln, um staatliche Institutionen oder um internationale Organisationen. Oft werden auch konkurrierende Erbansprüche erhoben. Wenn es aber keine aktiven Erben gibt, werden Bauten oder Kunstwerke zu bloßen Relikten der Vergangenheit, für deren Erhalt sich niemand zuständig fühlt. Genau dies ist in der östlichen Hälfte Europas wegen der vielen Umbrüche immer wieder eingetreten, zuletzt in der Folge der Jugoslawienkriege, die einmal mehr zu Massenmorden und Vertreibungen geführt hatten. Sie hinterließen damit an vielen Orten neben Zerstörungen auch Kulturerbe ohne Erben.

Zumindest vorerst. Denn ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das, was einmal Erbe gewesen ist, nicht für immer ohne Erben bleiben muss, auch wenn es lange Zeit auf Ablehnung stößt oder dem Vergessen anheimfällt. Früher oder später, manchmal erst nach vielen Generationen, treten Menschen auf den Plan, die aus welchen Motiven, mit welchen Mitteln und mit welchen Ergebnissen auch immer ein zunächst missachtetes, verdrängtes oder auch planmäßig vernichtetes Erbe in Erinnerung rufen, sich für dessen Aneignung einsetzen und damit zu Erbgemeinschaften werden. Kein Erbe kann dauerhaft vergessen bleiben. Darin liegt ein vielversprechendes Forschungsfeld – und auch etwas Tröstliches.

Dieser Text ist in leicht veränderter Fassung im leibniz – Magazin der Leibniz-Gemeinschaft (3/2018) erschienen.

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