Denkraum, Freiraum, Stadtraum

Platte machen

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von Tino Holzmann-11. Juni, 2018

Gegebenes neu denken

Auch wenn das Wohnen in Plattenbauten lange Zeit einer Drohung gleichkam, birgt dieses Konzept große Potentiale und ist das Resultat einer gesellschaftlichen Epoche, die durchaus einen hohen Anspruch an soziale Fragen mit hoher Dringlichkeit stellte.

Die Moderne widmete sich der Wohnungsfrage in der fortwährenden Industrialisierung und der damit einhergehenden Verstädterung des frühen 20. Jahrhunderts. Die Nachverdichtung der Städte hatte zu überfüllten Wohnungen in dunklen Hinterhöfen mit schlechten Grundausstattungen geführt. Dies rückte immer mehr die Frage in den Fokus, wie die große Zahl von zu erwartenden Arbeitsmigranten adäquat untergebracht werden könnte.

Verschiedene Akteure widmeten sich diesem Problemfeld und entwarfen Utopien, in denen möglichst vielen Menschen Wohnraum zugänglich gemacht werden sollte. Darunter z.B. der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier, der in den 40er Jahren der Nachkriegszeit mit dem Gebäude Unité d’Habitation den Urtyp des Plattenbaus realisierte. Als »vertikale Stadt« gedacht, ist das Gebäude, das bis heute in Marseille steht, in Hinblick auf die soziale Struktur seiner Bewohner konzipiert. So findet man dort Geschäfte, Wäschereien, eine Dachlandschaft mit Kindergarten, Theater und Sporthallen. Außerdem ist das Gebäude auf Stelzen platziert, um eine Verbindung der Parkanlagen, welche das Haus umgeben, zu ermöglichen.

Hilft viel viel?

Zumeist sind Plattenbauten jedoch unter der Prämisse entstanden, möglichst vielen Menschen möglichst schnell Wohnraum zu verschaffen. Im Versuch der Moderne, Arbeit und Wohnen räumlich voneinander zu trennen, entstanden so regelrechte Wohnwüsten. Unter dem Schleier des Fortschritts zeigt sich das Plattenbaugebiet in seinem Kern als ein gewagtes soziales Experiment. Denn Städte sind gewachsene soziale Strukturen, orientiert und angelegt an Bedürfnisse des alltäglichen Lebens, die sich in nachbarschaftlichen Kontexten ergeben. In ihrer jetzigen Nutzung sind Plattenbaugebiete jedoch häufig nur starre Konstruktionen mit unzureichenden Möglichkeiten, flexibel auf spezifische Gegebenheiten der Nachbarschaft zu reagieren.

 

Das Konzept des Plattenbaus sollte überarbeitet und neu gedacht werden. Welche Formen des Zusammenlebens ermöglicht das Plattenbaugebiet? Welche Potentiale sind denkbar? Welche Räume sind unentdeckt?

 

Plattenpotential

Der Plattenbau bietet die Möglichkeit, gesammelte Erfahrungen und Visionen miteinander zu verbinden und so den Raum des Möglichen zu erweitern und neu zu denken

DER WOHNRAUM. Die Wohneinheiten innerhalb der Platte entsprechen vorwiegend dem gleichen Muster, indem die Anordnung von Quadratmeterzahl, Küche, Bad und Flur fortwährend einheitlich gedacht wird. Dabei könnte der Wohnraum vielmehr einem Tetrisspiel gleichen und einer individuellen Gestaltung nach individuellen Bedürfnissen nachkommen, als in Konformität zu ersticken. Die statischen Voraussetzungen sind jedenfalls für eine flexible Raumgestaltung geeignet.

DAS DACH. Als Laboratorium für das Gemeinsame lässt die Nutzung des Daches vielseitige Möglichkeiten offen. Vorstellbar wären beispielsweise ein Schwimmbad, eine Gartenfläche, eine Nachbarschaftsbibliothek und vieles mehr.

DER ZWISCHENRAUM. Eine hohe Anwohnerdichte auf einer geringen Grundfläche und dafür großräumige Freiflächen zwischen den Bestandsgebäuden sind gute Grundvoraussetzungen für eine lebendige und urbane Atmosphäre. Doch die meisten Zwischenräume der Platte bleiben ungenutzt. Sie bieten auch wenig Anreize zur Entdeckung und laden nur selten zum Verweilen ein. Warum werden sie nicht besser genutzt und erobert? Kleinere Wege begleitet von Bäumen und Laternen entlang informeller Strukturen (Bars, Lehmöfen, etc.), Bänken und Plätzen. Die Fläche kann für nachbarschaftliche Aktivitäten wie das Gärtnern, einen Basar, Fitness oder Ähnliches genutzt werden.

KLEINTEILIGE GESCHÄFTSSTRUKTUREN. In den Bestandsgebäuden könnten kleinteilige Geschäfts- und Ladenstrukturen zur Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs installiert werden. Dies würde der Anonymität innerhalb der Nachbarschaft entgegenwirken und eine höhere Flexibilität zugunsten der individuellen Bedürfnisse ermöglichen. Außerdem ergeben sich dadurch Lohnarbeitspotentiale.

DIE UMGEBUNG. Zumeist sind Großraumsiedlungen mit einer zentralen Konsumeinrichtung, wie dem Kaufhaus versehen. Dieses könnte den zuvor genannten kleinteiligen Einkaufsmöglichkeiten weichen und fortan als zentrales Parkhaus dienen. Dadurch gewonnene Flächen auf den vorherigen Parkplätzen und auf den Straßen könnten in ein zukunftsorientiertes, fußgänger- und fahrradfreundliches Szenario umgestaltet werden: eine Infrastruktur nicht für das Auto, sondern für den Menschen.

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