Denkraum, Stadtraum

Zentrum vs. Stadt

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von Anton Bernhardt-18. Juni, 2018

Braucht eine Stadt das Zentrum? Braucht ein Zentrum überhaupt die Stadt?

Jahrelang wurde in Zeitz Stadtentwicklung unter dem Motto „Hinein in die Mitte“ betrieben, welches eine kontrollierte Schrumpfung des Wohnbestands von außen nach innen, z.B. durch den Rückbau von Plattenbauten, vorsah. Auf diese Weise wollte man die verbliebenen Bewohner im Innenstadtgebiet bündeln und das von Leerstand und Verfall gebeutelte Stadtzentrum beleben. Im vergangenen Jahr neu ausgewiesenes Bauland im städtischen Randgebiet Zeitz-Ost bescheinigt die Abkehr von dieser Strategie.

Aber braucht der Mensch überhaupt einen Mittelpunkt, wenn er Arbeitsplatz, Supermarkt und Hausarzt in der Nähe weiß? Einen öffentlichen Kommunikations- und Verhandlungsort, einen zentralen Ort, nach dem er sich ausrichten, um den er kreisen kann? Was geschieht, wenn Naturkatastrophen, Politik oder Stadtplanung dieses Zentrum zerstören? Ein Blick in die Welt:

Nach dem Erdbeben

Nicaraguas Hauptstadt, Managua, ist eine Stadt ohne Zentrum. Obwohl einige Regierungsgebäude das verheerende Erdbeben von 1972 überwiegend unversehrt überstanden, nahmen Stadtplaner wegen stockender Aufräumarbeiten neue Siedlungen an der Peripherie vor. Grünflächen und Parkplätze entstanden neben den geschichtsträchtigsten Bauten des zentralamerikanischen Staates. Informelle Siedler bauten ihre Häuser, klein und fragil, vor allem aus Sperrmüll und Wellblech. Natürlich birgt diese willkürliche Restrukturierung Gefahren einer erneuten Zerstörung. Mittlerweile gibt es Bestrebungen das alte Zentrum wiederzubeleben, wobei einige von Wolkenkratzern als Sinnbild einer modernen, wirtschaftskräftigen Innenstadt nordamerikanischer Prägung träumen. Mit Unterstützung internationaler Städteplaner soll eine sinnvolle Neustrukturierung des Innenstadtbereichs umgesetzt werden, mit erdbebensicheren Gebäuden, Parkanlagen und einem Transportsystem, das die ehemalige Leerstelle der nicaraguanischen Millionenstadt ihren Landsleuten wieder zugänglich macht. Diese Pläne rücken derzeit jedoch in weite Ferne. Das Land steht am Rande eines Bürgerkriegs.

Rassismus und der Staat schaut zu

Im Johannesburg der südafrikanischen Apartheid-Ära war das Innenstadtviertel Hillbrow der Dreh- und Angelpunkt der heutigen 4-Millionen-Stadt. Doch nicht für alle: Hier siedelten sich neben reichen Südafrikanern ausschließlich Einwanderer an, die der rassistischen Burenregierung zusagten, also weißhäutige Europäer und Amerikaner. In Hillbrow gab es die schicksten Diskos, die hippsten Partys und die besten Drogen. Als in den späten 80ern schwarze Familien nachzogen, verließen immer mehr Weiße das Viertel. Sie zogen in die nördlichen Vororte, um sich abzuschotten, während die mittellosen Migranten aus den ländlichen Provinzen Südafrikas sowie Neuankömmlinge aus anderen Nationen in die leerstehenden Hochhäuser und Mietskasernen drängten. Heutzutage übersteigt die Bevölkerungsdichte Hillbrows die von New York City um ein Vielfaches1. Armut und kriminelle Bedrohung sind allgegenwärtig. Die Stadtregierung zieht sich bis auf sogenannte  „Säuberungsaktionen“, z.B. medienwirksam im Zuge der Fussball-WM 2010, aus der Grundversorgung und Verantwortung zurück und überlässt Hillbrow sich selbst. Auf geführten Touren kann man im Zentrum der größten Stadt Südafrikas, der „Stadt des Goldes“, das fortdauernde Staatsversagen begutachten.

Hausgemachte Leere

Im Stadtzentrum von Phoenix, Arizona, leben kaum Menschen. Die Stadt ist auf dem Reißbrett entstanden und in den Wüstensand gestampft. Dabei wurden Arbeit und Wohnort stadtplanerisch getrennt. Am Tage wird downtown gearbeitet, nachts schläft die Stadt in Randlagen. Im Hauptgeschäftszentrum gibt es praktisch keine Wohnfläche, obwohl die Arbeitsplatzdichte hoch ist. Die Bevölkerung wohnt um die Innenstadt herum überwiegend in Einfamilienhäuser, die sich, ausgestattet mit Garten, Garage und freiem Blick auf den Horizont, bis an den Stadtrand erstrecken. Das Auto bewegt die Menschen, zu Fuß geht niemand und so bleibt man praktisch für sich. Um dem Fortschreiten dieser menschenfremden Stadtentwicklung in einer der am schnellsten wachsenden US-Städte entgegenzuwirken und das Zentrum zu reurbanisieren, sind bei dortigen Neubauten mittlerweile ein Drittel Wohnfläche gesetzlich vorgeschrieben.

Anwesenheit von Abwesenheit

Ingolstadt, Bayerns jüngste Großstadt, war lange Zeit zu arm, um Betonbausünden zu begehen, wie man sie anderswo finden kann. Dank des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten 30 Jahren konnte investiert werden. Die Altstadt renovierte und sanierte man grundlegend. Viele Menschen wohnen hier, dennoch ist im Zentrum nichts los. Zahlreiche, kleine, inhabergeführte Geschäfte sind hier ansässig, einzig die Kunden fehlen. Dabei ist die Kaufkraft bei einer paradiesisch niedrigen Arbeitslosenquote von etwas über zwei Prozent tatsächlich sehr hoch. Doch der Konsum findet im Speckgürtel statt. So setzen sich die Ingolstädter lieber in ihre Audis (in der Hauptzentrale arbeiten mehr als 40.000 Menschen) und shoppen in den Einkaufszentren am Stadtrand. Dagegen steuert die aktuelle Sanierung der Fußgängerzone, welche die Kunden u.a. „mit viel Aufenthaltsqualität“ in die Innenstadt locken möchte. Ob das Konzept von Erfolg gekrönt sein wird, steht in den Sternen.

Quo vadis, Zeitz?

Die Zeitzer Innenstadt wiederum ist durch reichlich Mut zur Lücke entstellt worden. Leerstellen füllte man mit Grünflächen und Parkplätzen. Ganze Straßenzüge zerfallen und nichts geschieht. Altmarkt und Neumarkt fristen ihr saniertes Dasein, während Angebot und Nachfrage in den Einkaufsstraßen rückläufig sind. Ein Zentrum, in das niemand geht und zieht, weil die Argumente fehlen. Vielleicht verhilft der neue Konsumtempel auf der Schützenstraße, für den mehrere marode Wohnhäuser weichen mussten, der Innenstadt auf die Sprünge. Dum spiro, spero.

 

1https://www.boell.de/en/node/274359

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