Denkraum, Freiraum

Räume zwischen Gegebenem und Möglichem

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von Siglinde Lang-8. April, 2019

Kann Kunst einen Beitrag für regionale Entwicklungen leisten? Inwiefern kann Kunst als Faktor für Regionalentwicklung angesehen werden? Vor allem aber: Warum sollte Kunst in regionalen Entwicklungsprozessen ein zentrale Rolle spielen?

Im Aufmachen von Räumen zwischen Gegebenem und Möglichem liegt das Fundament für jene dynamischen Prozesse, die eine aktive Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes als kollaborative Aufgabe der regionalen Bevölkerung fassen.

Regionalentwicklung umfasst, die soziale, gesellschaftliche, wirtschaftliche, infrastrukturelle und zunehmend digitale Situation und Struktur innerhalb einer spezifischen räumlichen Ordnungseinheit positiv zu beeinflussen. Ob es Problematiken der Ressourcenknappheit in den Bereichen Wohnen, öffentlicher Verkehr, Schulen und Freiflächen sind, mit denen urbane Metropolen und Großstädte aufgrund von Zuwanderung zu kämpfen haben, oder ob es die Sorgen vor Landflucht, Abwanderung und damit verbundenen Desinvestitionen sind, mit denen strukturschwache ländliche Räume konfrontiert sind – die Lebensqualität des alltäglichen Umfeldes zu verbessern oder zumindest nachhaltig zu erhalten, kann als zentrale Intention von Regionalentwicklung angesehen werden. Regionale Entwicklungsmaßnahmen fußen dabei zumeist auf einer Analyse dessen, was eine Region mehr oder weniger lebenswert macht sowie einer Einschätzung ihrer Potenziale, aber auch ihrer nachteiligen Beschränkungen für zukünftige Entwicklungen. Zwischen diesen Polen von Gegebenem und Möglichem setzt Regionalentwicklung an.
Um realistische Strategien und Maßnahmen zu definieren, braucht es fachliche Expertise, vor allem aber auch zivilgesellschaftliches regionalspezifisches Wissen – und die aktive Beteiligung der Bevölkerung an der Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes. Ob urbanes Zentrum, städtische Randlage, Kleinstadt, Metropole, Dorf oder regionaler Landstrich – Partizipation stellt in der Regionalentwicklung die Basis, damit Prozesse einer kontinuierlichen Erneuerung und eines Fortbestands der Lebensqualität unter Beteiligung vieler umgesetzt werden kann. In diesen Prozessen spielen Visionen, Zukunftsszenarien und zuweilen auch zugespitzte (Real)Utopien eine wesentliche Rolle. Die Freude an der Mitbestimmung des eigenen Lebensumfeldes und das damit verbundene und notwendige Vertrauen in die eigenen als auch kollektiven Handlungsmöglichkeiten braucht sowohl Vorstellungskraft, visionäre Bilder und stimmgewaltige Szenarien als auch eine Atmosphäre des Miteinanders und der verbindlichen Zugehörigkeit.
Diese partizipativen und antizipativen Prozesse benötigen dabei stets auch Raum für Austausch, damit eine Ausverhandlung zumeist unterschiedlicher, oft auch divergierender Interessen, individueller Erwartungen und konkreter Zukunftsbilder gewährleistet ist. Speziell in Gegenden abseits kultureller Ballungszentren sind es kulturelle Initiativen wie Kunstvereine, Mehrspartenhäuser, soziokulturelle Zentren, aber auch temporäre, oft partizipative Projekte ortsansässiger Kunstschaffender, die diese Räume einer multiperspektivischen Ausverhandlung herstellen. Indem sie Raum für Kunst, kulturelle Teilhabe und kreative Gestaltung bieten, schaffen sie nicht nur Begegnungszonen und Treffpunkte – sie können regionale Entwicklungsprozesse erheblich unterstützen, sogar das Fundament für diese herstellen: Denn das Aufmachen von Räumen zwischen Gegebenem und Möglichen, ist exakt jenes Potenzial, das in der Kunst verankert ist – und sich über Ko-Kreation und kulturelle Mitgestaltung lokal entfalten kann.

Raum im Raum schaffen: Kulturelle Begegnungszonen (re-)aktivieren

In der Regionalentwicklung kommt unter sozialräumlicher Perspektive dem sogenannten „raumordnungspolitische[n| Postulat der gleichwertigen Lebensverhältnisse“ zentrale Bedeutung zu, wobei „Chancengleichheit als Grundlage autonomer Entwicklungen“ an „Zugangsgerechtigkeit zu Daseinsinfrastrukturen“ (Koch 2016:12) verknüpft ist. Diese raumbezogenen Gerechtigkeitsnormen stellen Parameter, um Lebensqualität als auch Entwicklungspotenzial beurteilen zu können. Zugangsbeschränkung liegt etwa (auch) dann vor, wenn ein Mangel an einer kulturellen (Nah)Versorgung kaum Möglichkeit gibt, an künstlerischen Angeboten teilzuhaben und/oder sich kreativ zu betätigen. Kulturelle Initiativen abseits kultureller Ballungsgebiete leisten daher einen ersten und wesentlichen Schritt, indem sie diesen Zugang (re-)aktivieren. Sie schaffen Raum für Kunst, indem sie an konkreten Orten oder in bestehenden Raumstrukturen ein Einlassen auf und ein `Vor-Ort-in-Berührung-Kommen-mit-Kunst´ ermöglichen oder auch reanimieren. Dieser erste Schritt bedeutet (oft) die Basis für ein regional kontinuierlich-wachsendes Verankern künstlerischer und kultureller Aktivitäten.
Mit Blick auf den sogenannten Bilbao-Effekt, aber auch urbane Kunstquartiere, ist der Anspruch dabei weniger, sich über einen architektonischen Kunstpalast oder mittels avantgardistischer Programmatik in der (globalen) Kunstwelt zu profilieren, sondern vielmehr durchlässige Biotope als Treffpunkte und kulturelle Begegnungszonen zu gestalten – und neue Räume in vorhandenen, oft ungenutzten Räumen zu schaffen. Ob in der Gestaltung von Bushaltestellen, ob in der performativen Bespielung von Schaufenstern, aufgelassenen Geschäften oder des öffentlichen Raums, ob in der Reaktivierung nutzungsentleerter Gebäude – in der Region und für die Region bedeutet dieses `Raum im Raum´-Schaffen, Begegnungszonen abseits der alltäglichen Wege herzustellen und frische, durchaus auch spielerische Akzente in der regionalen Entwicklung zu setzen.
Diese Veränderung bestehender Raumstrukturen steht in Resonanz zu vorhandenen und oft auch verblassten sozialen Lebensweisen, wie es auch neue Handlungsperspektiven und Gestaltungsvariationen bietet. Raum konstituiert sich durch eine „Wechselwirkung zwischen Handeln und Strukturen“ (Löw 2001:158), sodass durch adaptierte Nutzungs- und Wahrnehmungsangebote auch bestehende gesellschaftliche Praxen und soziale Gefüge neue Impulse erfahren (können). Über Handlungen der Adaption, der Aneignung und der Restrukturierung werden nicht nur Raumnutzungskonzepte verändert, sondern auch (neuartige) kollektive wie auch individuelle Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Identitätsprozesse angeregt. (vgl. Lang 2016:51)

Lebensweltliche Anbindung und Partizipation: Kulturelle Mitgestaltung aktivieren

Speziell in Regionen, in denen kulturelle Infrastrukturen erst aufgebaut oder mit dem Ziel der Nachhaltigkeit ausgebaut werden, ist dieses `Raum im Raum´-Schaffen zumeist eng mit dem Aufbau von lokalen Produktions- und Organisationsbedingungen verknüpft. Das Potenzial, ortsspezifische regionale Entwicklungen einzuleiten und Anstoß für kulturelle Prozesse zu sein, kann sich vor allem dann entfalten, wenn die kulturelle Initiative als kollaborative und partizipative Gestaltungsaufgabe wahrgenommen wird. In lokalen Strukturen, in denen kein klassisches – und zumeist auch homogenes – Kunstpublikum vorausgesetzt werden kann, gelingt die notwendige Ansprache und Aktivierung der lokalen Bevölkerung nur dann, wenn die konkreten Lebenswelten als wesentlicher Bezugspunkt angesehen werden.
Eine thematische Referenz der künstlerischen Programmatik zu regionalspezifischen Debatten, Narrativen und/oder alltäglichen Erfahrungen oder vielfältige Angebote zur Mitgestaltung kann die Hürde, sich auf Kunst und Kultur einzulassen, erheblich nivellieren. Diese lebensweltliche Anbindung bedeutet, dass die Personen vor Ort eingeladen sind – oder sich selbst die Bedingungen dafür schaffen -, individuelle Kompetenzen, Vorwissen sowie persönliche Vorlieben und Interessen in die Konzeption, in ein künstlerisches Ereignis oder in den laufenden, oft erst aufzubauenden kulturellen Betrieb einzubringen. Dies kann vielschichtig erfolgen: Ob in Form handwerklicher Tätigkeiten, ob durch die inhaltliche Mitgestaltung eines Erzähl-Cafes und Sammeln regionsspezifischer Geschichten, ob durch ein Bereitstellen von Proberäumen für und Nutzung durch Musikgruppen, ob durch die Möglichkeit, sich erstmals als Organisator/in eines Poetry Slams zu erproben oder schlicht durch die gemeinsame Ausrichtung von Festen, Festivals oder eines mehrspartigen künstlerischen Programms – das Einbringen vieler Personen mit ihren spezifischen Möglichkeiten und Interessen, ist Voraussetzung, damit ein Ort der kulturellen Lebendigkeit entstehen kann und die kulturelle Mitgestaltung vieler aktiviert wird.
Diese Aktivierung hat dabei viel mit der Übernahme von individueller und kollektiver Verantwortung zu tun, mit einem `Sich-Gemeinsam-Zuständig-Fühlen´. Damit jedoch neue sozietäre Konstellationen abseits des alltäglichen sozialen Umfeldes und bestehender Beziehungsstrukturen (nachhaltig) entstehen können, müssen diese Gemeinschaften in ihrer heterogenen Struktur oft erst (kontinuierlich) zusammenwachsen.

Oszillation zwischen `Fakt´ und `Fiktion´: Aufbrechen konventionalisierter Wahrnehmungsmuster

Temporäre künstlerische Interventionen können für dieses Zusammenwachsen neuartiger Gemeinschaftsgefüge ebenso `Stein des Anstoßes´ sein als das Engagement und die Überzeugungskraft einer Handvoll ortsansässiger Personen, deren Gestaltungswille und Begeisterung sich auf ein lokales/regionales Umfeld überträgt. In ihrer künstlerischen Ausgestaltung und Programmatik schaffen kulturelle Initiativen dabei vor allem Räume, die sich durch ihre Verortung zwischen `Fakt´ und `Fiktion´ charakterisieren lassen. Denn das grundlegende Spezifikum, die Eigenart von Kunst ist, dass Kunst nicht den Anspruch erhebt, `Wirklichkeit´ zu erzeugen oder abzubilden, sondern dass sie ästhetische Wahrnehmungs- und Erfahrungsprozesse abseits alltäglicher Erfahrungen und Handlungsstrukturen zu generieren sucht (vgl. Lang 2015). Ob ein Kulturverein die eigene Dorfgeschichte theatralisch in Szene setzt (Theater Hausruck, 2005/06), ob eine Kunstinstallation regionale Machtverhältnisse reflektiert (Tinzl/Flunger, 2011) ob eine künstlerische Interventionen den touristischen Ausverkauf einer Kleinstadt thematisiert (Katerina Seda, 2017/18) oder eine temporäre Bühne die Vielfalt regionalen künstlerischen und kulturellen Schaffens sichtbar macht (The Democratic Set, seit 2009), künstlerische Projekte referenzieren einen spezifischen kulturellen, gesellschaftlichen und – in lokalen oder lebensweltlichen Kontexten – regionalen Status quo. Gleichzeitig weist Kunst in Form von imaginativen, abstrahierten oder verdichteten Darstellungen, Assoziationen und den ihr eigenen Verfahren über diese (alltäglichen) phänomenalen Bezüge hinaus, ja distanziert sich von diesen. Diese Distanz markiert exakt jenen Raum, der in und über Kunst geschaffen wird und zwischen ‚dem, was ist‘ und ‚dem, was sein könnte‘, verortet ist: Im Doppelpass mit dem Imaginär-Ästhetischen wird ein (temporäres) Raumgefüge produziert, der zwischen der Welt des Seins und des Möglichen verortet ist – und über utopische Bilder, quergedachte Narrative, humoristisch-abstrahierte Spiegelwelten, unterhaltsam inszenierte Kritik oder stimmgewaltige Zukunftsszenarien alternative Perspektiven und Handlungsoptionen aufzeigen (kann).(vgl. Lang 2015)
Dieser Raum schließt uns mit ein – sofern wir uns auf Kunst, auf das Dargestellte und Erfahrbare einlassen. In diesem ästhetischen Prozess werden wir in jenen Zustand des Staunens, Hörens, Sehens, Fühlens, Irritiert-Seins und Bewegt-Werdens versetzt, der als „liminaler Zustand“ oder „Schwellenzustand“ (Fischer-Lichte 2004:28) verstanden wird. Das Wahrgenommene lässt sich nicht mehr eindeutig zuordnen, nicht mehr mit unseren gängigen Interpretationsschemata erfassen. Unsere Selbstgewissheiten werden durchrüttelt und wir werden eingeladen, unseren (eigenen) lebensweltlich bekannten Erfahrungswelten im Modus einer reflexiven Distanz neu zu begegnen (vgl. Rebentisch 2015:80).
Als künstlerische Ereignisse sind diese Räume über ihre Struktur des Eintretens und Austretens charakterisiert – und schaffen dadurch vorerst jene Unverbindlichkeit, die oft die Schwelle enthebelt, um sich auf alternative Interpretationen sowie divergierende Sichtweisen einzulassen und sich Perspektiven abseits der eigenen (lebensweltlichen) Ordnungsschemata zu öffnen.

Räume des Miteinander: Kultur aktiv gestalten

Kulturelle Initiativen, die diese mittels Kunst evozierten Möglichkeitsräume über eine konkrete lebensweltliche Anbindung und partizipative Angebote erweitern und intensivieren, schaffen nicht nur eine Rahmenstruktur des Austausches und der Ausverhandlung. Über die Einladung zur Mitgestaltung, Ko-Kreation und vielfältige Beteiligungsformate (vgl. Lang 2019) stellen sie ein Raumgefüge her, dass neuartige Verbindungen zwischen verschiedenen Personengruppen schaffen und neue heterogene Gemeinschaften – ob über ein eher passives Dabei-Sein oder aktives Tun – entstehen lassen kann.
Über die Wahrnehmung einer kollaborativen Gestaltungsaufgabe wird eine Atmosphäre des Miteinanders geschaffen, in der das vielschichtige Potenzial von Kunst und ästhetischer Prozesse verankert ist. Dieses Miteinander ist dabei weniger über eine homogene Struktur definiert, als über das Ausverhandeln und durchaus auch kreative Erproben diverser Haltungen und Interessen. In dieser Atmosphäre einer gemeinschaftlichen und intentionalen Verbundenheit sowie bedingt durch ein Raumgefüge, das sich aus (rein) alltäglichen Erfahrungen und Strukturen herausnimmt, können unterschiedliche Lebenshintergründe, vielfältige Erfahrungen und auch divergierende Vorstellungen (bestenfalls) als Bereicherung für eine multiperspektivische Ausgestaltung des eigenen Lebensraumes erlebt und verstanden werden.
Kulturelle Initiativen schaffen somit Räume eines Miteinanders, die Reibung zulassen, dabei jedoch Gemeinsames vor Trennendes stellen und kollektive Identitäten mit individuellen Haltungen, auch über diese hinaus, verbinden (vgl. Lang 2018/19). In regionale Strukturen und Bedingungen beziehungsweise in eine Auseinandersetzung mit diesen, bringen kulturelle Initiativen folglich (oft) jene Dynamik ein, die eingefahrene Sichtweisen sowie kollektive als auch individuelle lokale Identitäten ins Wanken bringen kann – und über die (Selbst)Erfahrung als heterogene Gemeinschaft Platz für offene Prozesse, Querdenken und Visionen schafft. Wird Regionalentwicklung, vereinfacht betrachtet, als Prozess zwischen Gegebenem und Möglichen verstanden, dann ist es das Aufmachen von Räumen, zwischen `dem, was ist´, und `dem, was sein könnte´, die Kunst zu einer zentralen Ressource regionaler Entwicklungsprozesse macht.

 

Literaturangaben:
Fischer-Lichte, Erika (2004): Ästhetik des Performativen. Suhrkamp: Frankfurt am Main.
Lang, Siglinde (2015): Partizipatives Kulturmanagement. Interdisziplinäre Verhandlungen zwischen Kunst, Kultur und Öffentlichkeit. Bielefeld: transcript.
Lang, Siglinde (2016): Raum im Raum schaffen. Kunst, Ortsspezifität und Teilhabe als Ingredienzen kultureller Entwicklungsprozesse. In: Dies. (Hg): Ab in die Provinz. Rurale Kunst- und Kulturinitiativen als Stätten kultureller Mitbestimmung. Wien: mandelbaum, S.48-56.
Lang, Siglinde (2018/19): P-ART Akademie für dezentrale und transdisziplinäre Kulturkonzepte. Dokumentationen und Reflexionen. Salzburg: Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst.
Lang, Siglinde (2019): Partizipative Kulturarbeit. In: Schweizer Bundesamt für Kultur: Handbuch Kulturelle Teilhabe. Zürich: Seismoverlag.
Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Rebentisch, Juliane (2015): Theorien der Gegenwartskunst zur Einführung, 3. Aufl., Hamburg: Junius.

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