Denkraum

Transformationslandschaft

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von Wolfgang Kil-22. Oktober, 2018

Ländliche Szenen

Knappe hundert Kilometer von Berlin entfernt, hatte die Uckermark schon immer mit Begehrlichkeiten aus der Hauptstadt zu rechnen. Mit Einführung der Eisenbahn entdeckten Ausflügler den malerischen Landstrich und sorgten für bescheidenen Fremdenverkehr. Während zu DDR-Zeiten viele junge Dörfler lieber ihr Glück in den Städten suchten, richteten sich im Gegenzug naturhungrige Städter verlassene Landarbeiterkaten, Bauernhäuser oder Dorfgasthöfe mühselig zu Zweitwohnsitzen her, wo sich dann Freundeskreise zu rauschenden Gartenfesten trafen. Mit ihrer Erzählung „Sommerstück“ hat Christa Wolf (1989) diesem Milieu stadtflüchtiger Intellektueller und Künstler ein literarisches Denkmal gesetzt.

Seit der Epochenwende von 1990 kämpft die Region nun mit den Folgen eines brachialen Strukturwandels: Geringe Wirtschaftskraft und fehlende Erwerbsmöglichkeiten trieben die Menschen in Scharen davon. Um die Jahrtausendwende schien die Uckermark von schierer Entvölkerung bedroht. Doch selbst für die immer weniger Werdenden reichen die herkömmlichen Arbeitsangebote nicht. Der Agenturbezirk Prenzlau gehört zu den Schlusslichtern auf der bundesweiten Skala der Arbeitslosigkeit; wenig tangiert von neueren Aufschwungsdaten, pendeln die Werte unvermindert um die 20 Prozent.

Uckermark – die schöne Gegend

Die Uckermark ist wunderschön. Doch sie ist auch Randregion. Im Planer- und Verwaltungsjargon gehört sie zum „äußeren Entwicklungsraum“, womit erst einmal die rein geografische Entfernung des Landkreises von der Metropole Berlin gemeint ist. Dieses schlicht geografische Abseits bedeutet aber auch eine größere Distanz zu den Geldtöpfen des Staates: Solange knappere Fördermittel nach dem Prinzip „Stärken stärken“ verteilt werden, haben periphere Landesteile das Nachsehen. Da es für alle nicht reicht, so die (zumindest im Land Brandenburg) geltende Devise, solle man sich da draußen halt mit dem Wenigeren arrangieren.

„Dort draußen“ macht man sich auf all das seinen eigenen Reim. Die Uckermark ist seit der Wende von einem reichlichen Viertel ihrer Bewohnerschaft verlassen worden. Muss das wirklich verwundern? Und droht da tatsächlich gleich ein Untergang? Schon immer gehörte die Gegend zu den am dünnsten besiedelten Regionen ganz Deutschlands, nach den statistischen Kriterien der Vereinten Nationen gilt sie mit ihren 42 Einwohnern pro Quadratkilometer (2011) längst als „unbesiedeltes Territorium“. Man hat sich also auf skandinavische Verhältnisse einzustellen. Längst verfügt nicht mehr jedes Dorf über einen Einkaufsladen. Um Schulen und Kindereinrichtungen kämpfen Gemeinderäte verbissen, Busse verkehren seltener oder gar nicht mehr. In Sachen ärztlicher Grundversorgung wird neuerdings ganz öffentlich von „Notstandsgebieten“ geredet. Der Verlust an allgemeiner Lebensqualität für jene, die unter solchen Verhältnissen weiterhin ausharren (nicht selten ausharren müssen), ist mit Statistiken gar nicht zu ermessen.

Uckermark – die neue Lage

Seit Menschengedenken klassisch ostelbisch, d.h. von riesigen Gütern und ärmlichen Landarbeiterdörfern geprägt, hat es, mit Ausnahme von Schwedt, nennenswerte Industrie in der Uckermark kaum gegeben. Kleinproduzenten kommen auf lokaler Ebene einigermaßen zurecht. Die großflächige und hochtechnisierte Agrarwirtschaft produziert auf international konkurrenzfähigem Niveau, beschäftigt aber nur noch einen Bruchteil an Menschen im Vergleich zu früher. Diese Entwicklung entzieht allen Bemühungen um eine sozial ausgeglichene Entwicklung ländlicher Räume nach herkömmlichem Muster die ökonomische Grundlage. Wenn sie nicht im Umland der Städte zu „Wohnsiedlungen im Grünen“ werden, weiß eigentlich keiner, wozu Dörfer heute noch dienen sollten.

Zur allgemeinen Überraschung wächst nun in manchen Randregionen die Bewohnerzahl wieder. Auf die etwa sechstausend Menschen, die die Uckermark Jahr für Jahr verlassen, kommen inzwischen fast schon viertausend Zuzügler.1 Regionen im Wandel, die ihre neue Bestimmung noch nicht gefunden haben, sind für manche Menschen geradezu eine Verheißung: für Leute, die einfach mehr Platz, mehr Himmel und vielleicht für den Quittengelee einen alten gemauerten Küchenherd brauchen, um sich – als Familie, als Künstler oder einfach als Naturfreunde – zu entfalten. In dünner besiedelten Räumen hoffen sie, Zonen mit utopischem Potenzial zu finden für lebenspraktische Experimente, denn „wo Lebensräume durch Gebrauch und nicht durch Eigentum definiert werden, entsteht Raum für ein weniger entfremdetes Leben“ (Boris Sieverts 2003).

Neugierige, Tatendurstige, unruhige Geister – für diesen Typus des Neusiedlers haben Planer und Soziologen den Begriff Raumpionier erfunden. Im Unterschied zum historischen Sommerfrischler oder zum Wochenendpendler suchen Raumpioniere das Dasein fern urbaner Geschäftigkeit weniger der Kontemplation oder Idylle wegen, sondern weil sie ein Programm verfolgen. Leben in selbstgewählter Gemeinschaft und/oder im Einklang mit der Natur, neuerdings immer öfter auch ökonomisches Einrichten in überschaubaren Kreisläufen. Indem Raumpioniere am neuen Ort ihr eigenes Leben zu verändern suchen, nehmen sie – ob gezielt oder ungewollt – Einfluss auf die Entwicklung ihrer Nachbarschaft, am Ende gar ihrer Region. „Raumpioniere sind allerorten gefragt“, hat der Landschaftstheoretiker Thies Schröder (2006) beobachtet. „Städte und Staat werben um sie.“ Eines jedoch würde dabei in aller Regel verschwiegen: „Die Bereitschaft zu Pionierleistungen [wird] in der Regel von denjenigen erwartet, die [in den kritischen Randlagen, W.K.] bleiben können, weil sie in irgendeiner Weise soziale Absicherung erreicht haben“ (ebd.). Ein Leben in Regionen, die mit immer weniger öffentlicher Fürsorge auskommen müssen, verlangt nämlich Bereitschaft zum Risiko und ein hohes Maß an Belastbarkeit. Der Einzelne hat sich mehr zu kümmern, ist mit mehr Entscheidungen auf sich gestellt, sollte neben ökonomischer auch über technische Autarkie verfügen (Auto, ausgiebige Internet-Kompetenz), wofür er dann, im Idealfall, beträchtlichen Entfaltungsspielraum gewinnt. Umstände also, wie geschaffen für Typen, die früher „Aussteiger“ (Naturfreund, Künstler, Eigenbrötler …) hießen und die man heute, geradezu euphorisch, Kreative nennt.

Doch wie der Begriff genauso intendiert, sind Raumpioniere eben auch Wegbereiter, immer häufiger werden sie zu „Landungsbrücken für weitere Städter“ (Burke/Harmel/Jank 2015). Und dann trifft man eben nicht mehr nur jugendliche Nestflüchter auf der Suche nach experimenteller Selbstverwirklichung, sondern überraschend viele gestandene Familien mit ökonomisch tragfähigen Existenzen. „Kreativ“ bei der Suche nach alternativen Lebensmodellen sind ja auch Sozialarbeiter, die mit ihren Selbsthilfegruppen aufs Land ziehen, ehemalige Agrarfachschüler mit Faible für Biolandbau, Architekten und Handwerker, denen der Sinn nach Holz und Lehm und Schilfklärteichen steht. Zu regelrechten Ansiedlungsschwerpunkten werden Orte, an denen es Eltern gelingt, gemeinschaftlich Freie Schulen zu gründen (Taschenberg, Wallmow). Spätestens da kommt der experimentelle Nutzen einer „Region im Wandel“ gut zum Vorschein: Während man überall im Land rückläufige Geburtenraten beklagt, scheint für Kinderfreunde das „Neuland“ eindeutig Standortvorteile zu bieten.

Reibereien programmiert

Alles wohlklingende Reden über Raumpioniere sollte die naheliegenden Konflikte nicht ausblenden. Im Grunde müssen die ländlichen Räume Ostdeutschlands, und hierbei besonders vehement die Einzugsbereiche einiger weniger Großstädte, einen ungeheuer einschneidenden Vorgang verkraften: einen (schrittweisen) Bevölkerungsaustausch.

Nach dem Weggang vornehmlich der Jüngeren, der besser Qualifizierten (und unter denen wiederum vornehmlich der Frauen) blieben die weniger Beweglichen zurück, die Älteren und jene, die sich zu sehr in der Heimat verwurzelt fühlen, als dass sie anderswo einen neuen Anfang suchen (oder wagen) würden. Jene Bleibenden, oft pauschal als „Verlierer des Strukturwandels“ etikettiert, sehen sich nun mit neuen Nachbarn konfrontiert, die mit den unterschiedlichsten Erwartungen und womöglich Illusionen, oft auch mit ziemlich fremden Lebensstilen inmitten generationenlang fest strukturierten Umgebungen auftauchen. Die da ihren Städten den Rücken kehren, müssen nicht unbedingt jünger sein, sie sind auch nicht immer höher, aber stets auffallend anders qualifiziert.2 Sie bringen neuzeitliches Wissen, nie gekannte Kontakte und oft völlig anders orientiertes Knowhow in ihre neue Wahlheimat.

Gerade bei zahlreicher Zuwanderung entstehen so in den betroffenen Dörfern erst einmal parallele Lebenswelten, denn unterschiedlicher könnten beide Fraktionen mit ihren jeweiligen Erwartungen und Leitbildern kaum sein: Einerseits die städtisch, dazu oft auch westdeutsch sozialisierten Zuzügler mit ihrer Begeisterung für die landschaftlich reizvollen Räume – andererseits die Alteingesessenen mit ihren Verlusterfahrungen und eher prekären Zukunftsaussichten, die an der Verlassenheit jener Landschaften schier verzweifeln. Geradezu klassische Streitfälle treibt diese Konstellation immer dann hervor, wenn die „Neuen“ ihre romantisch-ländliche Bilderwelt gegen jede Modernisierung, sprich: „Verschandelung“ verteidigen, also wenn die „Alten“ für ihre holperige Dorfstraße endlich auch Asphalt wollen oder ihre verkrumpelten Häuser im Baumarkt-Stil begradigen.

Ein hierzu befragter Architekt, der gerade wegen seiner Leidenschaft für Heuballen- und Lehmbauweisen in die Uckermark wechselte, sieht seine eigentlichen Kontrahenten mittlerweile aber eher in den „reinen Geldmenschen“, die unter den Zuzüglern seines Dorfes allmählich die Mehrheit bildeten: Mit denen ziehe ein „vorstädtisches Renommier-Gehabe“ ein, das jedes Gespür für tatsächliche Eigenheiten des dörflichen Umfeldes vermissen ließ.3 Die scheinbar nebensächliche Beobachtung illustriert geradezu idealtypisch jenen heiklen Vorgang, wenn unlängst noch vom Aussterben bedrohte Dörfer im Einzugsbereich von Metropolregionen „ganz allmählich zu Wohnorten oder Rückzugs- und Freizeitorten einer privilegierten Mittelschicht [werden], die bewusst diesen (teilweise wieder neu inszenierten) ländlichen Lebensstil als Erholung von der Stadt und dem beruflichen Alltag betrachtet und sich geradezu wünscht, dass diese Dörfer nun nicht auch noch ‚urbanisiert‘ werden“ (Baum 2014: 130).

Weniger konfrontative, doch ebenso aufschlussreiche Motive können den recht häufigen Denkmalsinitiativen zugrunde liegen. Bei der Rettung alter Dorfkirchen in Brandenburg etwa sind es zumeist Zugezogene, die als Initiatoren und Wortführer eine Schlüsselrolle spielen – und zwar nicht immer nur aus Sorge um das gefährdete Bauwerk. Nicht selten geschieht solches Engagement in der Hoffnung, durch gemeinschaftliche Aktionen einen erweiterten Dorfzusammenhang zu stiften, der auch die Neuankömmlinge endlich einbegreift. Da geht es beim kollektiven Ringen um Denkmalserhalt letztlich dann doch um eher Persönliches: um Identität in und mit ihrer neuen Heimat, um „etwas, woran sie andocken können“ (Hetzer 2010: 176).

Wo solche Bemühungen ausbleiben, wird es wohl geschehen, dass noch nach Jahren die Einen über die Anderen als Fremde reden. Wie eine breit angelegte Fallstudie herausfand, findet Integration nämlich „im Rahmen bestimmter sozialer Netzwerke statt. Innerhalb dieser Netzwerke gibt es intensive Kooperationen, zwischen den Netzwerken sind diese aber nur schwach ausgeprägt. […] Unterschiedliche Sozialisationen begründen verschiedene Interessen und […] bringen ihre eigenen Freizeitgruppen hervor. Daher gibt es nicht einfach die Integration in die Dorfgemeinschaft“ (Links/Weber 2008: 115)*.

Solche Beobachtungen sind also mit zu bedenken, wenn Politiker sich über frische Statistiken mit gerade mal wieder ansteigenden Bevölkerungszahlen freuen: Wenn eben noch vom Aussterben bedrohte Dörfer ganz allmählich zu Wohn- oder Freizeitorten einer privilegierten Mittelschicht werden, die bewusst den ländlichen Lebensstil (oder was sie dafür halten) als Erholung von der Stadt und ihrem Berufsalltag betrachtet, und folglich am liebsten den vorindustriellen Status quo auf Dauer fixieren würde, dann gehen vor Ort die Querelen um diese oder jene Zukunft gerade erst los.

Andererseits – etwa wenn man an das geradezu gigantische Anwachsen des Fahrradtourismus denkt – vielleicht werden ja – als Folge neuer Arbeits- und Lastenverteilungen – die offenen Landschaften als notwendige Entspannungs- und Ausgleichsräume für die immer strapaziöseren urbanen Ballungszentren künftig unverzichtbar gebraucht?

Momentaufnahme Melzow

Melzow liegt auf sanftem Hügel und bietet einen grandiosen Blick viele Kilometer weit über beide Uckerseen bis nach Prenzlau. Vier bis fünf Mal im Jahr ist das alte Dorf Treffpunkt für Musikfreunde aus der weiteren Umgebung, denn das hingebungsvoll instandgesetzte Melzower Kirchlein gehört zu den Spielorten der alljährlichen „Uckermärkischen Sommerkonzerte“. Einheimische und von Jahr zu Jahr mehr „Auswärtige“ – d.h. Urlauber oder echte Zuzügler – sitzen da gedrängt in den knarrenden Bänken und lauschen alten Chorälen, barocker Kammermusik und zum Saisonabschluss auch mal gepflegtem Jazz.

Ob es am Panoramablick liegt oder an der nahen Bahnstation: Melzow zählt mittlerweile zu den Uckermark-Dörfern, in denen keine Häuser mehr leer stehen, für Baugrundstücke sind fast schon städtische Preise erreicht. In Etappen wie aus dem Lehrbuch hat sich hier der Wandel der Bewohnerschaft vollzogen, von den ersten Aussteiger-Enthusiasten über die integrationswilligen Landleben-Sucher und Kulturdenkmalschützer bis schließlich zu den notorischen „Besserverdienern“, die weder abenteuerliche Freiräume noch rurale Bautradition, sondern respektable „Landsitze“ suchen.

Die neue Bewohnerstruktur hat dem Dorf nicht nur einige auffällige Neubauten beschert, sondern auch neue Facetten im kulturellen Angebot. In regelmäßigen Abständen lädt eine im literarischen Milieu gut vernetzte Neu-Melzowerin neuerdings zu Lesungen durchaus hochkarätiger Autorinnen und Autoren, die für so einen Salonabend schon mal von München oder Marburg anreisen. Mehr noch als die oft hochambitionierte literarische Attitüde fasziniert an solchen Abenden das ganze Drum und Dran: In beinahe familiärer Vertrautheit begegnen sich dort Gäste verschiedenster Couleur aus diversen Dörfern im weiten Umkreis. Man bestaunt den Vortragsort, ein vom Mitveranstalter selbst erbautes Lehmhaus, und bedient sich (für einen freiwilligen Obolus) am von allen gemeinsam bestückten Büffet. Das Ende der Lesung bedeutet beileibe kein Ende des Beisammenseins, es kann spät werden an solchen Abenden, und gerade zu später Stunde klärt sich der eigentliche Charakter der Veranstaltung: Hier konstituieren und erleben sich die Neu-Uckermärker als die ländliche Variation ihres früheren Daseins: als „Szene“.

Die fortschreitende Neubesiedlung ehemaliger Agrarlandschaften bringt inzwischen also „neue hybride Lebensstile“ hervor, in denen prägende Stadterfahrung sich mit dem Wunsch nach ländlicher Lebensqualität überlagert. „Insbesondere Kreativarbeitern und Akademikern […] gelingt es, die essenziellen Fähigkeiten einer globalisierten Wissensgesellschaft, bei der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit, Netzwerke und kreative Innovationen im Mittelpunkt stehen, für neue selbstbestimmte Lebenskonzepte zu nutzen“ (Burke/Harmel/Jank). In den immer häufiger zu beobachtenden dörflichen „Szenen“ stehen Fragen des Guten Lebens ohne Zweifel im Vordergrund. Die berühmte Frage „Haben oder Sein“ scheint hier ausdiskutiert.

Als Fazit:

In einem der am dünnsten besiedelten Landstriche Deutschlands beginnen die vielen Neuansiedler bereits, eigene Strukturen innerhalb der vorgefundenen (und massiv erodierenden) sozialräumlichen Verhältnisse auszubilden. Diese Entwicklung erscheint umso interessanter, als es sich bei jenen Neubewohnern nicht mehr vornehmlich um den altbekannten Typus „Aussteiger“ handelt, sondern zunehmend um Familien jeglichen Alters mit ökonomisch stabilen Lebensentwürfen. Aus der schrittweisen „Verwebung von städtischen und ländlichen Lebensformen“ erwarten optimistische Sozialforscher dringend überfällige Impulse zur Stabilisierung des ländlichen Raumes.

Werden also in der entleerten Peripherie eines wirtschaftlich prekären Bundeslandes erste Entwürfe zur Lebensbewältigung in postindustriell aufgelassenen Räumen sichtbar? Bietet das raumpolitische Desinteresse an dünner besiedelten Regionen Wachstumskritikern und anderen „Changemakern“ eine Chance, neue Formen für selbstorganisiertes Leben und nachhaltiges Wirtschaften praktisch zu erproben? Oder entfalten sich wieder nur (demnächst umkämpfte) Rückzugsräume für einige Privilegierte, die sich dem Stress eskalierender Sozialkonflikte in den wachsenden Städten entziehen?

 

Der Artikel ist mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.

 

*Vgl. hierzu die Studie „Leben in Wallmow/Uckermark“, In: Berliner Blätter: Ethnographische und ethnologische Beiträge, Heft 45 (hrsg. von Leonore Scholze-Irrlitz: Perspektive ländlicher Raum.)

Literatur

Baum, Detlev, 2014: Dorf und Stadt als idealtypische Konturen und Lebensräume in Ost und West. In: Nell, Werner; Weiland, Marc (Hrsg.): Imaginäre Dörfer: Zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt. Bielefeld.

Burke, Mathias; Harmel, Eleonore; Jank, Leon, 2015: DIE LÄNDLICHE VERHEISSUNG. Städter als neue Akteure auf dem Land. Masterthesis an der TU Berlin. Berlin.

Hetzer, Maria, 2010: Nicht nur schöne Hüllen … In: Kulturstiftung des Bundes (Hrsg.): Zeitspenden. Kulturelles Engagement in den neuen Bundesländern. Halle/Saale.

Kil, Wolfgang, 2004: Luxus der Leere – Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt. Wuppertal.

Köhler, Roland, 2008: Die Zugezogenen. Neusiedler in der Uckermark. Templin.

Land, Rainer, 2007: Die neue Landwirtschaft und die Dörfer. Gibt es noch Chancen für ländliche Entwicklung? Vortragsmanuskript. http://www.rla-texte.de oder https://www.ti.bund.de/.

Links, Josephine; Weber, Christin, 2008: Musik und Bewegung als Gemeinschaftserlebnis. In: Berliner Blätter: Ethnographische und ethnologische Beiträge, Heft 45 (hrsg. von Leonore Scholze-Irrlitz: Perspektive ländlicher Raum. Leben in Wallmow/Uckermark).

Schröder, Thies, 2006: Freiräume in der Stadtentwicklung. Deutsches Architektenblatt, 7/2006, S. 14.

Sieverts, Boris, 2003: Vom Reichtum des Informellen. Deutsche Bauzeitung, 7/2003, S. 55.

Welzer, Harald, 2013: Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand (6. Auflage). Frankfurt a. M.

Wolf, Christa, 1989: Sommerstück. Berlin.

1 Die Zahlen stammen aus 2010, es ist davon auszugehen, dass sie sich in der Zwischenzeit noch weiter zugunsten der Zuwanderer verschoben haben.

2 Unter den Neusiedlern liegt der Anteil an Akademikern weit über dem allgemeinen Bevölkerungsdurchschnitt.

3 Interview mit Jörg Wappler, dem Gründer von WOF!-Architekten mit Sitz in Berlin und Melzow/Uckermark, am 25. Juni 2015